Sopocani
 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sopocani
An der Quelle des Flusses Raska, etwa 15 km westlich von der Stadt Novi Pazar, liegt eine Stiftung des Koenigs Uros I. Nemanjic (herrschte 1243-76), dem dritten Sohn und Thronfolger Stefans des "Erstgekroenten" und Enkel Nemanjas - das Kloster Sopocani (auf Altserbisch sopot: die Quelle). Es besteht heute aus der Dreifaltigkeitskirche und den ausgegrabenen Resten der Gebaeude, die von einer breiten, mit zwei Toren versehenen Mauer umringt sind. Als der wichtigste und wertvollste Teil des raeumlichen Denkmalkomplexes um Novi Pazar (den noch die Petruskirche, die alte Stadt Ras und die islamische Architektur von Novi Pazar bilden), wurde das Kloster Sopocani im Jahre 1979 in die UNESCO-Liste fuer Weltkulturerbe aufgenommen. Die Klosterkirche stellt ein monumentales Gebaeude dar, obwohl sie weder kostbaren Marmor in ihrer Aussenbearbeitung, noch eine prunkhafte Dekoration in der Portal- und Fensterverzierung hat. Aber sie besitzt eine glaenzende Freskenmalerei, die zu den besten Kunstwerken des 13. Jahrhunderts im byzantinischen Kulturraum sowie in Europa zaehlt.

Errichtung
Das Kloster wurde im siebten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts erbaut, wobei das genaue Datum der Errichtung unbekannt blieb. Es war die monumentalste Stiftung bis zu jener Zeit in Serbien. In der allgemeinen Einteilung der serbischen Geschichte gilt die Regierungszeit des Koenigs Uros I. als eine Periode der schnellen wirtschaftlichen Entwicklung. Kraft und Fortschritt verdankte der Staat in dieser Zeit neben seinen Naturreichtuemern und lebhaften Handelsverbindungen mit den Staedten des Kuestenlandes und Italiens vor allem auch der Bluete des Bergbaus, zu dem die zu dieser Zeit in Serbien angesiedelten Bergleute aus Sachsen stark beigetragen haben. So konnte der Koenig eines aufsteigenden Staates die besten Erbauer und Maler fuer die Errichtung seiner Stiftung anstellen.

Der Aufstieg Serbiens ging nicht nur im wirtschaftlichen Bereich vor sich. Serbien strebte auch nach einem hoeheren Platz in der Hierarchie der Europaeischen Staaten im ideologischen Sinne, wovon die hohe Widmung - der Heiligen Dreifaltigkeit - der Kirche in Sopocani zeugt. Natuerlich sollte die Stiftung Uros I. die hoechste staatliche und dynastische Bedeutung haben. Der Koenig liess sie als ein Mausoleum erbauen, nicht nur fuer sich selbst, sondern auch fuer andere wichtige weltliche und kirchliche Persoenlichkeiten. So wurden dort neben dem Stifter auch seine Mutter Anna Dandolo (die Enkelin des Dogen Giovanni Dandolo von Venedig), der Erzbischof Joanikije I. (gestorben 1279), sowie noch einige andere Wuerdentraeger jener Zeit bestattet. Auch die sterblichen Überreste des Koenigsvaters, Stefans des "Erstgekroenten", wurden spaeter nach Sopocani uebertragen. Wahrscheinlich hatte Uros I die Absicht, den Sitz des Bistums von Raska aus der nicht weit entfernten Petruskirche nach Sopocani zu verlegen. Ob dies wirklich vollzogen wurde, ist heute nicht ganz klar. Zumindest fuer eine Weile konnte die Dreifaltigkeitskirche diese wichtige Rolle als Zentrum eines Bistums im Kerne Serbiens einnehmen.

Im Wandel der Zeiten
Durch seine in gewissem Sinne besondere Bauweise, von der spaeter noch die Rede sein wird, und seiner hervorragenden Freskenmalerei, stellte die Dreifaltigkeitskirche in Sopocani noch lange im Mittelalter ein Vorbild fuer die anderen Herrscherstiftungen und Kirchen in Serbien dar. Sie selbst wurde Ende des 13. Jahrhunderts erweitert, indem man an das urspruengliche Gebaeude eine Aussenvorhalle mit einem Glockenturm angebaut. Diese neuen Teile wurden bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts auch mit Fresken bemalt.

Aber, wie es bei den meisten serbischen Kloestern der Fall ist, endete die Zeit der Ruhe und des Wohlstands fuer Sopocani etwa mit dem Ansturm der osmanischen Macht. Das Kloster hat schon beim ersten ernsthaften Angriff gelitten: Nach der fuer Serbien so schicksalhaften Schlacht von Kosovo Polje (Amselfeld) im Jahre 1389 wurde es in Brand gesetzt und teilweise zerstoert. In der ersten Haelfte des 15. Jahrhunderts ist der Komplex erneuert worden, aber nach der endgueltigen osmanischen Eroberung Serbiens (Mitte des 15. Jahrhunderts) begann eine lange Periode der Unsicherheit und Not unter der Fremdherrschaft.

Ein Aufleben und sogar eine neue Bluetezeit erfuhr das Kloster Sopocani ab Ende des 16. Jahrhunderts. In diesen Jahren wurde eine umfassende Restauration des ganzen Komplexes durchgefuehrt, waehrend die neuen Herbergen wieder eine grosse Anzahl von Moenchen erhielten. Viele ausgegrabene wertvolle kirchliche Gegenstaende aus dem 17. Jahrhundert, sowie jene fuer den taeglichen Gebrauch, zeugen von dem erneuerten Reichtum des Klosters, dem unter anderem die halbfreien christlich-orthodoxen Fuerstentuemer Wallachei und Moldawien materielle Hilfe leisteten (und nicht nur ihm). Zu dieser Zeit spielte Sopocani auch eine Rolle als Zentrum der Gelehrsamkeit und des Schrifttums, da dort viele vor allem gottesdienstliche, aber auch andere Buecher systematisch abgeschrieben und damit vermehrt wurden. Im Jahre 1629 ereignete sich im Kloster die "Entdeckung" (elevatio, buchstaeblich die Hebung) von unverwesten Heiligengebeinen Stefans des "Erstgekroenten", ein Ereignis, das fuer die Kirche einen Beweis des Heiligtums des Gestorbenen darstellt. Aus diesem Anlass schuf die Serbische Kirche, mit dem Patriarchen Pajsije als damaligen Oberhaupt, den Kult des ersten Koenigs der Nemanjiden-Dynastie, der als Moench Simon im Jahre 1228 gestorben war. So wurde das Kloster Sopocani zu einer Kultstaette dieses neuen nationalen Heiligen in einer Gesellschaft, die noch immer im Gedenken an die "ruhmvolle" Vergangenheit lebte.

Der "Wiener Krieg" (1683-99) zwischen dem Osmanischen Reich und der Habsburger Monarchie hatte fuer mehrere serbische Kloester verheerende Folgen, insbesondere fuer Sopocani. Beim Rueckzug des osmanischen Heeres im Jahre 1689 wurde es fast voellig vernichtet und die Moenche flohen in verschiedene Richtungen. Auf Grund des Kriegsbedarfs wurde das Bleidach vom Gotteshaus herabgenommen, so dass die Dreifaltigkeitskirche eine Ruine ohne Kuppel und irgendeine Verhuellung blieb. Einige Kostbarkeiten aus der Schatzkammer, sowie die Heiligengebeine Simons sind von den Moenchen gerettet worden, aber das Kloster selbst veroedete auf die Dauer.

Ungewoehnlich lang lag Sopocani in Truemmern. Beinahe wurden im Verlaufe der 250 Jahren (!) seine einstuerzenden Mauern durch Gewaechse ueberwuchert, waehrend die grossartige Malerei in der Kirche unmittelbar den schlechten Einfluessen des Wetters ausgesetzt wurde. Erst im Jahre 1926 wurde eine grosse Erneuerung in Angriff genommen und bis zu 1929 wurde das Gotteshaus wieder bedeckt, so dass viele der wertvollen Fresken gerettet werden konnten. Seit 1948 fuehrt das Amt fuer Denkmalschutz verschiedene Konservations- und Restaurationsarbeiten sowie Forschungen durch, die mit kurzen Unterbrechungen noch heute im Gange sind. Nachdem die Kirche im achten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ihr urspruengliches Aussehen zurueckerhalten hatte, wurde sie auch unter den Schutz der UNESCO gestellt.

Architektur
Wahrscheinlich gibt es keine zwei voellig identisch aussehenden Kirchen auf der Erde, obwohl man viele von ihnen zu dieser oder jener Schule zaehlt. Innerhalb dieser Einteilung gehoert die um 1260 erbaute Dreifaltigkeitskirche in Sopocani zur Raska-Schule. Sie ist ein einschiffiger Bau mit niedrigen Chorschraenken (Chortransepten) im Norden und Sueden, einer Halbkreisapside im Osten, der grossen Vorhalle im Westen, an die niedrige seitliche Kapellen angegliedert sind, und einer Kuppel. Aber sie besitzt einige Besonderheiten, die die Formgebung der spaeteren Gotteshaeuser beeinflussten. Deshalb betrachtet man sie als erste Vertreterin des sogenannten entwickelten Typs der Raska-Kirchen. Diese Besonderheiten (oder Neuheiten) spiegeln sich in der staerkeren Anlehnung an den westlichen Vorbildern wider, vor allem im Bezug auf die Bauweise und die Aussenformen der Kirche. Auf der anderen Seite blieben die Grundmauern und die raeumliche Struktur byzantinisch, womit die Kontinuitaet mit den aelteren Herrscherstiftungen Serbiens im Wesentlichen bewahrt wurde.

Die wichtigste Neuheit war das dreischiffige Aussehen der Kirche, das durch die Einfuehrung der Chortransepten und der Seitenkapellen unter einem gemeinsamen Dach entstand. Somit erhielt die Dreifaltigkeitskirche in Sopocani die Aussenform einer romanischen Basilika mit steilem durchfenstertem Mittelschiff und niedrigen Seitenschiffen. In diesem Sinne wurde die Stiftung Uros I. zu einem Vorbild fuer die zukuenftigen Stiftungen serbischer Koenige und zwar fuer Arilje (Dragutin, 1276-82), Banjska (Milutin, 1282-1321) und Decani (Stefan Decanski, 1321-31). Eine weitere Baueigenschaft, die aus der damaligen westlichen Baurichtung uebernommen wurde, trat in Serbien schon bei der Erbauung der Kirche der Himmelfahrt Christi in Mileseva auf und ist auch in Sopocani erkennbar: die Vierung auf quadratischem Sockel (Tambour carré), auf der eine Kuppel, enger als das Schiff, mit rundem, durchfenstertem und von Blindarkaden gegliedertem Tambour ruht. Im oestlichen Teil der Kirche (Altarteil) ist schliesslich nur eine Apside von aussen sichtbar, da man beim Bau die kleinen Apsiden der Prothesis und Diakonikon (sakristeiartige Nebenraeume) nicht betonte.

Die Erbauer der Dreifaltigkeitskirche kamen also ohne Zweifel aus dem Westen. Sie haben auch die Dekoration der Fenster und Portale im Sinne der Romanik angefertigt und dabei insbesondere die sogenannte gefaerbte Stokkatur-Technik angewandt. Leider ist von diesen Werken nur wenig erhalten geblieben - auf den Pilasterkapitellen und am westlichen Portal zwischen der Vorhalle und dem Naos. Aber es haben sich bei der Aussenformung der Kirche auch einige alte Vorbilder aus dem Osten erhalten, so zum Beispiel die rote und gelbe Faerbung der Kuppel (heute nur in Spuren sichtbar), eine Charakteristik der sakralen Architektur aus Konstantinopel und vom Heiligen Berg Athos, die in Serbien zum ersten Mal in Studenica uebergenommen wurde.

Auch die einst prunkvolle Inneneinrichtung der Kirche ist kaum erhalten geblieben. Davon waren die Sarkophage der hier bestatteten Mitglieder der Nemanjiden Dynastie und des Erzbischofen Joanikije am wichtigsten. Waehrend die Sarkophage Koenigs Uros (Naos) und seiner Mutter Ana Dandolo (Vorhalle) aus dem noch heute erkennbaren roetlichen Marmor, einem Zeichen fuer die Zugehoerigkeit zur Herrscherfamilie, noch immer bestehen, hat man bei der letzten Ausgrabungen nur Überreste der uebrigen gefunden. Diese gehoerten dem Erzbischof Joanikije I. und dem Grossfuersten Djordje (Georg), dem Vetter Uros I.. Wo die Heiligengebeine Stefans des "Erstgekroenten" (Moench Simon) aufgestellt waren, bevor sie von den Moenchen bei ihrer Flucht aus dem Kloster im Jahre 1689 weggetragen wurden, ist heute nicht mehr bekannt. Wahrscheinlich war der reichstgeschmueckte Teil des Inneren der Kirche die Trennwand zwischen dem Altar und dem Naos. Aus kostbaren Marmor hergestellt, wurde sie auch mit der Stokkatur dekoriert. Die heutige Trennwand ist im 20. Jahrhundert voellig neu angefertigt worden.

Im letzten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts baute man an der westlichen Seite des urspruenglichen Gotteshauses eine geraeumige, offene Aussenvorhalle mit einem dreistoeckigen Glockenturm an der Vorderfront hinzu. Dieser Exonarthex, der auf Pfeilern ruhte, war das Vorbild fuer die Kirchen des fruehen 14. Jahrhunderts in Serbien. Seine Restauration ist noch immer im Gange und sein genaues urspruengliches Aussehen kann nur vermutet werden. Im 14. Jahrhundert wurden an das Schiff die Seitenkapellen angebaut, die dem St. Nikolaus (suedliche) und dem St. Georg (noerdliche) gewidmet wurden.

Innerhalb der Klostermauer befanden sich eine Reihe von Gebaeuden und Klosteranlagen. Dazu gehoerten der Speiseraum mit der Freskenmalerei westlich und die Moenchsherberge noerdlich und suedlich der Kirche. Davon ist fast nichts erhalten geblieben. Bei den neuesten Konservationsarbeiten hat man nur die Grundmauer ausgegraben.

Da das Kloster im Jahre 1689 stark gelitten hat und dann als Ruine sehr lange ohne irgendwelche Sorge blieb, verlor es vieles von seinem urspruenglichen Aussehen und seinem Reichtum. Waehrend seines fortschreitenden Auflebens im 20. Jahrhundert erhielt die Dreifaltigkeitskirche allmaehlich ihre urspruengliche Form zurueck, wobei die wichtigsten Restaurationsarbeiten 1975 begonnen wurden und immer noch andauern.

Malerei
Im Ring des Tambours der Kuppel befand sich eine Aufschrift mit dem Datum der Anfertigung der Fresken in der Dreifaltigkeitskirche. Diese ist im Laufe der Zeit zerstoert worden, aber mittelbar kam man zu dem Schluss, dass die Malerei von Sopocani aus den Jahren zwischen 1263 und 1268 stammt. Es handelt sich, wie schon gesagt, um wertvollste Kunstwerke, deren durch das antike Erbe angeregten Schoepfer den monumentalen Plastikstil des 13. Jahrhunderts zu seinem Hoehepunkt brachten. Sie basieren auf der Tradition der hoefisch-byzantinischen Freskenmalerei und ahmen unter anderem die kaiserlichen Goldgrundmosaike (aehnlich wie in Mileseva) nach. Im Hinblick auf ihre ausserordentliche Ausdruckskraft, sowie Farb- und Formharmonie, koennen diese Fresken freilich neben den Meisterwerken des Vorrenaissance-Europas bestehen.

Von der ehemaligen Freskenflaeche ist aber nur etwas mehr als die Haelfte erhalten geblieben. Die ganze Malerei aus der Kuppel und der Woelbung wurde voellig vernichtet, da die Kirche sehr lange ohne Dach gewesen war. Die Fresken aus der niedrigen Zonen haben jedoch, vor allem dank ihrer hohen qualitativen Anfertigung, alle Stuerme ueberdauert. Allerdings lassen sie ihre urspruengliche Erhabenheit und Farbenpracht heute nur noch erahnen. Der goldene Hintergrund vom Naos und der Vorhalle, sowie die echte Mosaike der Altartrennwand sind leider laengst verschwunden.

Die Meister der Fresken von Sopocani kamen aus Byzanz, wahrscheinlich sogar aus dem gerade zuvor (1261) von der lateinischen Herrschaft befreiten Konstantinopel, wo sie moeglicherweise am erneuerten Kaiserhof wirkten. In der Dreifaltigkeitskirche arbeiteten einige Gruppen von ihnen, wobei die besten den Altarraum, den Naos und die Chorschraenke ausmalten, waehrend die weniger begabten die Vorhalle, die noch schwaecheren die Seitenkapellen an der Vorhalle und die schwaechsten die sakristeiartigen Nebenraeume im Altarraum anfertigten. Unter den Gehilfen und Mitarbeitern waren vermutlich auch einheimische Maler.

Im Altar befinden sich liturgische Szenen, wie Christus spendet den Aposteln die Kommunion und die Verbeugung vor dem Christus-Opfer, wo am Ende des Archieraeenzuges auch die serbischen Erzbischoefe Sava I., Arsenije I. und der zeitgenoessische Kirchenoberhaupt Sava II. abgebildet wurden. Hier wurde auch der Zyklus der Anzeigen Christi nach der Auferstehung angemalt, von dem das hervorragendste Fresko den unglaeubigen Thomas darstellt. In den Chorschraenken sieht man unter anderem die Abbildungen der Heiligen Dreifaltigkeit, der vierzig Maertyrer von Sebaste und der Apostel, von denen der Johannes als bartloser Junge im noerdlichen Chorschrank besonders schoen ist.

In dem unter der Kuppel befindlichen Raum sind die Fresken angefertigt, die durch den Zyklus der grossen Feiertage die Erloesungstat Christi schildern. Hier sieht man die Szenen bis zur Hoellenfahrt Christi nicht in gewoehnlicher Reihenfolge, sondern abwechselnd an der noerdlichen und suedlichen Wand: Maria Verkuendigung (von der der Dichter Rainer Maria Rilke begeistert schrieb), Geburt Christi, Lichtmess, Verklaerung Christi, Darstellung Jesu im Tempel und Jesus unter den Schriftgelehrten. Im westlichen Querschiff des Naos, wo sich das Stiftergrab befindet, sind die Themen des Todes und der Auferstehung, ebenfalls abwechselnd, dargestellt: Auferstehung Lazars, Einzug Christi in Jerusalem, Kreuzigung und Auferstehung Christi. Das bekannteste Fresko von Sopocani, die riesige Komposition der Himmelfahrt der Muttergottes (ungefaehr 25 qm), nimmt die ganze westliche Wand des Naos ein. Sie stellt den Tod Mariens im Kreise der Aposteln dar, waehrend Christus, von den himmlischen Heerscharen umgeben, ihre als Wickelkind abgebildete Seele empfaengt. Hier wurde zum ersten mal der gemalten Architektur (und zwar in der umgekehrten Perspektive) eine wichtige Rolle in der Abbildungsstruktur gegeben. So sieht man den Himmel, in den die neigenden Engel die Muttergottes fuehren sollen, ueber den beiden seitlichen Gebaeuden. Die Komposition der Himmelfahrt der Muttergottes ist das klassische Beispiel des damals herrschenden Stils einer "heroischen Monumentalitaet", ohne Pathetik und Leidenschaft an den Gesichtern und ohne Narratio in den Gesten.

Im westlichen Querschiff des Naos befindet sich in der unteren Zone noch eine wichtige Darstellung, die etwa zehn Jahren nach die urspruengliche Malerei (bis zu 1275) gemalt wurde: die Stifterkomposition. Dem Christus auf dem Throne sitzend "empfiehlt" die Muttergottes ausgewaehlte Mitglieder der Nemanjiden-Familie, die Moenche Simeon (Stefan Nemanja) und Simon (Stefan der "Erstgekroente"), den Koenig Uros I. mit dem Kirchenmodell und seine Soehne und Nachfolger Dragutin und Milutin. Es handelt sich hier um ein fruehes Beispiel der sogenannten horizontalen Abbildung des verkuerzten Stammbaumes der damaligen serbischen Herrscherdynastie. Damit wollte der Stifter seine enge Verbindung mit den wichtigsten Ahnen betonen.

Die Vorhallenfresken, die ungefaehr fuenf Jahre nach denen des Naos entstanden, sind die Schoepfung eines anderen Malers, der mehr zum kleinfigurigen-lebhaften Erzaehlen neigt. Eigentlich sind die alttestamentarischen, dogmatischen und eshatologischen Themen aus der Vorhalle an sich mehr narrativ. Bis auf die "Wurzel Jesse" (Stammvaeter Jesu) ist die in 16 Szenen dargestellte Josephsgeschichte aus dem Alten Testament (Gen. 37-50) besonders interessant. Sie hatte auch eine politische Aktualitaet in der Zeit Uros I.: Wie Jakob den juengeren Sohn von Joseph segnete (zwei Beispiele von bekannten gelegentlichen Parallelen: Nemanja - Jakob und Joseph - Stefan), sollte auch der juengste Sohn Stefans, Uros, den Vorteil gegenueber den anderen Mitgliedern der Dynastie haben. Gegenueber der Abbildung des Todes des Urvater Jakobs befindet sich noch eine damals aktuelle Szene: der Tod der Anna Dandolo, der Mutter des Stifters, deren Grab hier aufgestellt wurde, mit dem trauernden Koenig, dessen Frau Helène d'Anjou und den beiden Soehnen Dragutin und Milutin. In der unteren Zone ist noch einmal die engere Herrscherfamilie dargestellt, indem der aeltere Sohn des Koenigs, Dragutin, als Thronerbe mit Insignien abgebildet wurde. In der Vorhalle wurden noch die Szenen des Juengsten Gerichts und der Zyklus der oekumenischen Konzilien, dem auch der Konzil Nemanjas gegen die Heraetiker zugefuegt wurde, gemalt.

Die anderen Teile der Kirche tragen Fresken von geringerer Qualitaet in sich. In den Seitenkapellen, die zum ersten Mal in derselben Kirche dem Simeon Nemanja und dem St. Stephan dem Erstmaertyrer gewidmet wurden, dem einen als Dynastiegruender, dem anderen als Dynastiebeschuetzer, befinden sich die Szenen aus dem Leben der Heiligen, wobei die St. Simeonskapelle (die suedliche) den wiederholten Zyklus aus Studenica enthaelt. In der St. Stephanskapelle ragt die grosse Gestalt des Erzengel Michael hervor, der als der "Hueter der Heiligen Dreifaltigkeit" bezeichnet wurde. In den Altarnebenraeumen befinden sich Reste von unbedeutenden Fresken mit den Szenen aus dem Leben vom St. Nikolaus (Diakonikon) und von der Muttergottes (Prothesis). Die Aussenvorhalle, spaeter angebaut, wurde im fuenften Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts angemalt, zur Zeit Dusans, bevor er sich im Jahre 1346 zum Kaiser kroenen liess. Hier wurde Koenig Dusan mit seiner Frau Jelena, seinem Sohn Uros und dem Erzbischof Joanikije neben den Ahnen Uros I., Helène d'Anjou und St. Simeon abgebildet. Man kann noch die beschaedigten Fresken mit Szenen aus dem Leben Jesu auf Erden (Miracula, Parabelen) sehen, die auch eine Schilderung des damaligen serbischen Alltags und der materiellen Kultur sind, was die Kleidung, Werkzeuge und Bauweise betrifft. Zuletzt sollte man auch die Malerei in den Kapellen des St. Georg und des St. Nikolaus erwaehnen, die zur Zeit des Kaisers Uros (1355-71) angefertigt wurde.

Ihrem Stil und ihrer Ausdruckskraft nach uebersteigen die Fresken aus dem Naos der Dreifaltigkeitskirche in Sopocani weit die lokale Ebene. Die in ihnen auf eine glaenzende Weise verwirklichte Synthese des klassischen (antiken) Schoepfertums und der christlichen Empfindlichkeit erschien als Haupteigenschaft der sogenannten byzantinischer Renaissance, im weitesten Sinne des Wortes. Der Einfluss des antiken Erbes ist eigentlich fuer das griechische Byzanz, das von barbarischer Zerstoerung im fruehen Mittelalter in grossem Maße verschont blieb, charakteristisch. Dieser erschien aber im 13. Jahrhundert auch im westlichen Europa und liess sich unter anderem in den Werken des Abtes Suger oder Dante Alighieris und in den Skulpturen der Domkirchen in Amiens oder in Strassburg erkennen, sowie in den Skizzen einiger deutscher Handschriften (zum Beispiel denen von Wolfenbuettel). Eine solche Betonung von materieller und "irdischer" Schoenheit ist auch in den Fresken von Sopo_ani erkennbar. Auf der anderen Seite war die in Sopo_ani vorhandene christliche Empfindlichkeit im ganzen damaligen Europa "populaer", indem sie sich im Westen durch die Taetigkeit von Francesco d'Assisi und Bonaventura, sowie durch die aesthetisch-theologischen Studien von Thomas von Aquin durchsetzte. Bestimmt ist diese kulturelle und kuenstlerische "Einheit" (oder Ähnlichkeit) des Ostens und des Westens eine Folge einer vielseitigen und intensiveren Auseinandersetzung der beiden "Welten" im 12. und 13. Jahrhundert (die Kreuzzuege, die lateinische Herrschaft in Konstantinopel 1204-61). Dabei hatte Serbien, das auch durch politische Ehen der Nemanjiden eine enge Verbindung mit dem Westen unterhielt (Anna Dandolo aus Venedig und Helène aus franzoesischer Dynastie Anjou), eine besondere Rolle als Vermittler und Sammler von Traditionen verschiedener Seiten.

Geschichte und Gegenwart
Als ein Erinnerungsort soll das Kloster Sopo_ani ein Sinnbild des politisch und kulturell aufsteigenden mittelalterlichen Serbien sein. Von seiner Architektur und besonders seiner Malerei spricht man als einem Hoehepunkt der mittelalterlichen Kunstleistung im christlichen Europa. Wenngleich solche Aussagen auch uebertrieben waeren, handelt es sich bestimmt um ein bedeutendes Stueck europaeischen Kulturerbes. Auf dem stuermischen Boden, den die Balkanhalbinsel ohne Zweifel darstellt, gab es bis zu unseren Tagen schwierige Umstaende fuer die Bewahrung der wertvollsten Denkmaeler der Vergangenheit. Deshalb gilt es als eine bewunderswerte Errungenschaft, dass man durch die seit 1926 vorgenommenen Restaurationsarbeiten den Schatz von Sopocani in gutem Maße retten und wiederherstellen konnte.

Suedosteuropa kann man auch als einen Raum ohne geschichtliche Kontinuitaet und Stabilitaet bezeichnen (es besteht nur eine Kontinuitaet der Instabilitaet). Hier hatten die Voelker in der Vergangenheit immer wieder ihren "neuen Anfang" und haben ihn auch heute immer noch. Und gerade das Kloster Sopocani ist ein Symbol des serbischen "Neuanfangs" Ende des 20. Jahrhunderts. Es wurde in den neunziger Jahren als ein lebendiges Kloster mit Moenchsbruderschaft und Gottesdienst wiederhergestellt (davor lebten dort eine lange Zeit "vorlaeufig" nur einige Nonnen). Diesem folgte das Aufleben eines weiteren Klosters in der Umgebung von Novi Pazar, des _ur_evi Stupovi ("die Saeulen von St. Georg"), einer Stiftung Nemanjas, die schon um das Jahr 1170 erbaut wurde. Damit wollte man in Serbien die verlorene Kontinuitaet in der christlich-orthodoxen Kultur und Geistigkeit wieder aufnehmen und befestigen.

Neben dem Gottesdienst gehen in Sopo_ani gleichzeitig die Forschungs- und Konservationsarbeiten ununterbrochen weiter. Die Gegenstaende, die bei den Ausgrabungen gefunden werden, sollen in einem fuer die Zukunft geplanten grossen Museum der Klostergeschichte ausgestellt werden. Und bis dahin bleibt die Dreifaltigkeitskirche ein lebendiges Museum, aber auch ein lebendiges Gotteshaus...

Artikel: Zarko Vujosevic, Belgrad

Fotografien: Milan Kosanovic, Bonn

Lektorat: Britta Lenz, Duesseldorf


Copyright © 2003 Michael-Zikic-Stiftung