Ravanica
 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ravanica
Im 13. Jahrhundert war der Fluss Ibar ein "Rueckgrat" des serbischen Staates. Seit den letzten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts hat diese Rolle der Fluss Morava uebernommen. Und etwa 15 km oestlich von der kleinen Stadt Cuprija, die an der Morava liegt, befindet sich das Kloster Ravanica, eine Stiftung des serbischen Fuersten Lazar Hrebeljanovic (um 1371 - 1389). Er war ein ehemaliger Hoefling der Kaiser Dusan und Uros, der nach dem Zerfall des serbischen Kaiserreiches und dem Aussterben des Herrscherstammes der Nemanjiden die Verwaltung und das geistige Erbe der "heiligen" Dynastie in den damaligen serbischen Zentralgebieten uebernahm. Das Kloster mit der der Christi Himmelfahrt geweihten Kirche nimmt in der (nicht nur mittelalterlichen) Geschichte Serbiens einen ausserordentlich wichtigen Platz ein - sowohl auf Grund seiner historischen Rolle, als auch durch seine Bedeutung in der Entwicklung der Kunst und Architektur in Serbien.

In vielerlei Hinsicht steht Ravanica am Anfang einer neuen Epoche der serbischen Geschichte. Auf politischer Ebene, als die Hauptstiftung des Gruenders einer neuen Herrscherdynastie, auf kultureller Ebene, als erste echte Vertreterin einer neuen Kunstrichtung, vor allem in der Architektur - der Morava-Schule. Was also ist geschehen in dieser langen Zeitspanne, die zwischen Gradac und Ravanica liegt, wenn wir jetzt ploetzlich ueber so viele Neuigkeiten reden? Diese einhundert Jahre, ungefaehr zwischen 1275 und 1375, stellten wirklich eine besondere Epoche dar. Waehrend der koeniglichen Regierungen von Dragutin (1276-82), Milutin (1282-1321), Stefan Decanski (1321-31) und Dusan (1331-55, Kaiser ab 1346) ging ein vielseitiger Aufstieg Serbiens vor sich, der diesen Staat zu seinem politischen und kulturellen Hoehepunkt im Mittelalter brachte. Dieser Aufstieg spiegelte sich in der Staerkung der serbischen aussenpolitischen Macht wider, wobei Serbien sein Staatsterritorium staendig vermehrte, vor allem in Richtung Sueden. Aber auch in den wertvollsten Zeugnissen der christlichen Kultur, weil auch die immer weiter gehobene Staatsideologie es verlangte und immer hoehere Geldmittel es ermoeglichten, die monumentalen Kirchen zu bauen. Der byzantinische Einfluss in allen Bereichen ist ausserordentlich stark geworden: die Stiftungen der Herrscher, aber auch der anderen staatlichen und kirchlichen Wuerdentraeger, wurden im sogenannten serbisch-byzantinischen Stil gebaut, waehrend die Malerei ein hochwertiger Ausdruck der Palaeologen-Rennaisance war. Von den Kloestern aus dieser Zeit, wie Arilje (um 1295), Banjska (um 1315), Gracanica (um 1320), Pecka patrijarsija (Sitz des Kirchenoberhaupts, um 1330), Decani (um 1330) und Hl. Erzengel bei Prizren (um 1347), um nur die wichtigsten zu nennen, blieben aber die meisten im heutigen Kosovo und Metohija, wo ihr blosses Dasein jetzt ernsthaft gefaehrdet ist.

Das Kloster Ravanica erschien nach dem Zerfall des serbischen Grossreiches waehrend der Regierung des letzten Nemanjiden (Kaiser Uros, 1355-71), als in den siebziger Jahren des 14. Jahrhunderts das politische und kulturelle Zentrum des neuen Serbiens wegen des immer staerkeren osmanischen Drucks nach Norden rueckte. Und "Norden" war eigentlich das Moravatal, ein Gebiet, das unter den Nemanjiden ein "passiver" Staatteil war und sogar erst in der zweiten Haelfte des 14. Jahrhunderts dem Christentum im wahren Sinne angeschlossen worden war.

Errichtung
In einer spaeteren serbischen Chronik befindet sich die Notiz, dass man bei der Staatskirchlichen Versammlung 1375 die Entscheidung getroffen hatte, das Kloster Ravanica zu bauen. Ob die Versammlung wirklich dieses Thema behandelte, ist heute nicht ganz eindeutig zu belegen. Auf jeden Fall begannen die Bauarbeiten gleich nach dieser wichtigen Versammlung, die unter anderem den neuen Patriarchen ausgewaehlt und die kirchliche Versoehnung mit dem Patriarchat von Konstantinopel bekannt gegeben hatte, das fast 30 Jahre den selbsternannten serbischen Patriarchen nicht anerkannt hatte. Die Himmelfahrtskirche, die als Mausoleum des Fuersten Lazar dienen sollte, wurde im Tal des Fluesschens Ravanica erbaut. Die geraeumige Klosteranlage umfasste neben der Kirche auch einen Speiseraum, Zellen, Spital, Wirtschaftsgebaeude und Befestigungen. Am Donjonturm sieht man noch heute die Inschrift ueber den Fuersten Lazar als den Stifter.

Ueber die genaue Dauer der Erbauung bestehen keine direkten Angaben. Die Gruendungsurkunde wurde entweder 1376/77 oder 1381 uebergeben. Aus der Biographie des Hl. Romilo, der eine Weile in Ravanica gelebt hat und dort um 1376 starb, geht jedoch deutlich hervor, dass das Kloster zu seiner Zeit schon bestanden hat. Wahrscheinlich aber nicht als abgeschlossene Ganzheit, sondern als neugegruendeter Klosterbesitz. Die Vorhalle der Kirche wurde dem Schiff schon in den achtziger Jahren zugebaut, vielleicht bis 1385. Das ganze Gebaeude wurde dann an der Stifterkomposition in der Kirche einige Jahre spaeter abgebildet.

Im Wandel der Zeiten
Zur Zeit der Errichtung des Klosters Ravanica wurde Fuerst Lazars Serbien dem Druck des aufsteigenden Osmanischen Reiches ausgesetzt. Aus den noch mehr gefaehrdeten oder schon besetzten griechischen und bulgarischen Gebieten kamen viele Fluechtlinge nach Serbien, darunter eine grosse Anzahl von Moenchen (der neue serbische Patriarch Jefrem /1375-79; 1389-90/ war einer von ihnen). Unter solchen Umstaenden wurde auch Ravanica zu einem Zufluchtsort, da der Klosterbezirk auf Grund der Bedrohung durch die Osmaneneinfaelle mit einer siebentuermigen Wehrmauer umschlossen worden war. Bald darauf kam aber der entscheidende osmanische Angriff, dem sich Fuerst Lazar und sein Heer auf dem Kosovo polje (Amselfeld) zu widersetzen versuchten. In der Schlacht am St.Veitstag (15/28. Juni) 1389 fielen beide Herrscher (auf der Seite der Osmanen Sultan Murat I.), jedoch erwies sich das Ergebnis als vernichtend fuer Serbien. Es wurde zu einem osmanischen Vasallenstaat. Obwohl es seine Staatlichkeitskontinuitaet bis 1459 bewahrte, als es dem Osmanischen Reich schliesslich angegliedert wurde, blieb die Schlacht auf dem Amselfeld im Bewusstsein der Kirche und des Volkes ein Ende des serbischen "Kaiserreiches". "Kosovo" wurde zum groessten Umbruch der serbischen Geschichte, wie etwa der Fall Konstantinopels 1453 fuer die griechische.

Schon 1390/91 wurden die sterblichen Ueberreste des Fuersten Lazar aus Pristina nach Ravanica ueberfuehrt. Der gefallene Fuerst, dessen Frau Milica aus der Familie der Nemanjiden stammte, wurde von Anfang an als der Nachfolger der "heiligen" Dynastie betrachtet. Deshalb hat ihn die Serbische Kirche, mit dem Patriarchen Danilo III. (1390/91 - 1399/1400) als Oberhaupt, sofort heiliggesprochen. Sie schuf den Kult ueber seine Heldentat auf dem Kosovo, als einen maertyrerischen Sieg der "Reiche der Himmel" ueber die "Reiche der Erde". An dem Lazar Gedaechtnistag (der Tag der Kosovoschlacht - 15./28. Juni) gedenkt die Serbische Kirche auch aller Maertyrer, die nach 1389 fuer ihr Glauben fielen (sogenannte serbische "Neumaertyrer" - auch hier zeigt sich das Jahr 1389 deutlich als ein Umbruch). Das Kloster Ravanica, wo Lazars Heiligengebeine ruhten, wurde bald ein Wallfahrtsort und ein Brennpunkt dieses Kultes, der sich schnell ueber ganz Serbien verbreitete. Dort wurde die kirchliche Literatur gepflegt, aber auch die muendliche Volksliteratur gefoerdert. Ein grosser Teil der bekannten Volksepen ueber die Kosovoschlacht und ihre Helden entstand mit Sicherheit in Ravanica und seiner Umgebung.

Waehrend der osmanischen Herrschaft hatte das Kloster Ravanica eine wechselnde Rechtslage. Zuerst wurde es von der Steuer befreit, musste aber jedes Jahr drei Soldaten von seinem Landbesitz an das Sultansheer geben. Ende des 16. Jahrhunderts wurde aber das Kloster mit seinen Doerfern dem Grossbesitz eines Gutsherren (Spahija) angegliedert, an den es von dieser Zeit an Abgaben entrichtete. Im 17. und 18. Jahrhundert, wahrscheinlich auch noch frueher, bestand in Ravanica eine Art Moenchschule. Ab dem 18. Jahrhundert sind auch die Namen einiger ihrer Lehrer bekannt. Die Moenche befassten sich dort nicht nur mit Abschriften, sondern hinterliessen auch selbststaendige, vorwiegend chronistische Notizen in der Tradition der Mittelalterlichen Annalen, die sich oft als bedeutende historische Quellen, manchmal auch mit literarischen Anspruechen, erwiesen.


Nach der Kosovoschlacht hat das Kloster dreimal durch die Osmanen gelitten: 1396, 1398 und 1436. Es scheint jedoch, dass nicht die Himmelfahrtskirche bei diesen Zerstoerungen und Braenden gelitten hat, sondern nur die Kloster- und Befestigungsbauten. Das kann man auch aus den Reisebeschreibungen des Italieners Marc Antonio Pigaffeta schliessen, der Ravanica im Jahre 1568 besuchte und seine schoenen und erhaltenen Fresken bewunderte. Aber waehrend des "Wiener Krieges" (1683-99) zwischen den Osmanen und den Habsburgern haben die Osmanen das Kloster fast voellig zerstoert. Um 1686/87 wurde die Himmelfahrtskirche gebrandschatzt, die Gebaeude und Befestigungen wurden vernichtet und viele Moenche getoetet. Die ueberlebenden Moenche schlossen sich 1689/90 der "grossen serbischen Auswanderung" mit dem Patriarchen Arsenije III. (1672-1706) an der Spitze an und flohen nach Syrmien, auf damals habsburgisches Gebiet. Sie nahmen die Heiligengebeine des Fuersten Lazar, sowie die kostbarsten Buecher und Gefaesse mit sich und liessen sich schliesslich in Szentendre bei Budapest nieder, wo sie eine Holzkirche (heute sogenannte Pozarevacka-Kirche) bauten. Der Priestermoench Stefan, ein Lehrer aus Ravanica, beschrieb diesen Umzug als 40-taegige Wanderung und zog damit eine Parallele zu der 40-jaehrigen Wanderung der Juden aus Aegypten in das Heilige Land: Wie einst Moses sein Volk ueber das Rote Meer fuehrte, so fuehrte der Patriarch Arsenije III. die Serben ueber die Fluesse Sau und Donau.

Waehrend die Tuerken und Tataren im Jahre 1692 das schon verwuestete Kloster noch einmal in Brand setzten, erneuerten die Moenche aus Ravanica das alte Kloster Vrdnik in Syrmien, wohin sie 1697 mit den Heiligengebeinen Lazars uebersiedelten. In diesem Kloster, das das "syrmische Ravanica" genannt wurde, setzte sich die Tradition sowie der Kult Lazars und der Kosovohelden fort. Als Nordserbien (einschliesslich Ravanica) im neuen osmanisch-habsburgischen Krieg an Oesterreich fiel, kehrte 1717 der schon erwaehnte Lehrer (Daskal) Stefan, der einzige Moench von Ravanica, der noch am Leben war, in sein Mutterkloster zurueck. Er fand die Kirche voellig verwuestet und derart von Baeumen verwachsen vor, dass man nicht einmal mehr den Eingang erkennen konnte. Die Vorhalle war bis auf den Grund zerstoert und in der Kirche wuchsen Baeume. Er begann sofort den Wiederaufbau, der 1729, bei seinem Tode, noch nicht voellig abgeschlossen war. Stefan baute die Zellen und den Speiseraum wieder auf und errichtete eine neue Vorhalle, die er auch bemalen liess. Das Kloster ist wiederbelebt worden, indem sich dort neue Priester und Moenche ansiedelten.

Vor dem habsburgisch-osmanischen Krieg 1788-91 hat der Abt Vikentije von Ravanica das oesterreichische Spaehen im von den Osmanen erneut eroberten Serbien unterstuetzt, wofuer er eine oesterreichische Pension erhielt. Die serbische Bevoelkerung, angefuehrt durch den Hauptmann Koca Andjelkovic, nahm bedeutenden Anteil an den Kaempfen - eine Truppe war gerade in Ravanica ansaessig. Deshalb wurde das Kloster von den Osmanen noch einmal (und damit zum letzten Mal) in Brand gesetzt. Waehrend des ersten serbischen Aufstandes wurde Ravanica 1806 mit Hilfe des Anfuehrers Djordje Petrovic (Karadjordje) wieder erneuert. Nach der Befreiung Serbiens wurden um 1850 die Fresken renoviert, sowie einige Arbeiten an den Aussenmauern der Kirche und in ihrer Dekorationsplastik durchgefuehrt. Und schliesslich wurde Ravanica nach dem Zweiten Weltkrieg eines der ersten grossen Denkmaeler, an dem systematische Konservationsarbeiten vorgenommen wurden. Sie dauerten bis vor kurzem an und die neuesten endeten in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Architektur
Es wurde oben erwaehnt, dass die Himmelfahrtskirche in Ravanica die erste Vertreterin der Morava-Schule war, die in den letzten drei Jahrzehnten des 14. und in der ersten Haelfte des 15. Jahrhunderts die Formen der serbischen sakralen Architektur bestimmte. Diese neue Baurichtung entstand als eine Synthese des serbisch-byzantinischen Stils, der Architektur aus dem Heiligen Berg Arthos und der Tradition der Raska-Schule.

Der Grundriss in Form eines rechteckigen Kreuzes (das sogenannte griechische Kreuz) wurde vom serbisch-byzantinischen Stil uebernommen, waehrend die kleeblattfoermige Anlage (Trikonchos), die aus drei Halbkreisapsiden besteht, je eine im Osten am Altarraum und an den Nord- und Suedquerseiten, aus Athos stammt. Ein solcher Grundriss, der als eine Haupteigenschaft der Kirchen der Morava-Schule betrachtet wurde, ist ein altes Motiv, das in Byzanz schon im 6. und spaeter im 9./10. Jahrhundert erschien. In Serbien tauchte es in wenigen kleinen Kirchen, die im 14. Jahrhundert vor der Himmelfahrtskirche in Ravanica gebaut wurden, auf. Das Motiv war aber vor allem fuer die damaligen Kirchen auf Athos charakteristisch. Und gerade Athos wurde zur Zeit Lazars zu einem vielseitigen Vorbild in Serbien, sowohl im Bereich des Gottesdienstes und der Ordnung des Klosterlebens, als auch im Bereich der sakralen Architektur und Malerei. Dazu trugen zahlreiche Athosmoenche bei, die wegen der Osmanengefahr nach Serbien kamen und dort das erneuerte Ideal des wahren Moenchs-Lebens, das in der sogenannten hesychastischen Bewegung Gestalt annahm, mit sich brachten. Als die serbische Staatskirchliche Versammlung im Jahre 1375 die Einfluesse aus Athos aufnahm, wurde die Form der Kirche in Ravanica zu einem fruehen Zeichen einer solchen Bestimmung.

Die Himmelfahrtskirche hat fuenf Kuppeln, deren groesste in der Mitte ueber dem Schnittpunkt der Kreuzarme liegt, waehrend sich die vier weiteren, kleineren Kuppeln ueber den Eckraeumen zwischen den Kreuzarmen befinden. Diese Baueigenschaft, Kirchen mit mehreren Kuppeln zu bauen, die auch fuer die Morava-Schule charakteristisch geworden ist, wurde vom serbisch-byzantinischen Stil uebernommen. Obwohl ohne kostbaren Marmor, sind die Fassaden in der dekorativen Bauweise mit Farbgebung gestaltet. Sie bestehen aus abwechselnd gehauen Stein- und Ziegelreihen mit breiten Moertelschichten. Zwei umlaufende Gesimse, auf denen die Fenster sitzen (vorwiegend Zwillingsfenster), teilen die Fassaden in drei waagerechte Zonen, waehrend die vertikale Gliederung durch Blendboegen, Lisenen und Aussenpilastern ausgefertigt wurde. Ein solches Gebaeude erzeugt einen Eindruck von Groesse und Massigkeit, was die Zeitgenossen oft betonten. Die Erbauer blieben unbekannt, kamen aber mit Sicherheit aus dem Osten.

Eine weitere Eigenschaft der Kirchen der Morava-Schule ist die sehr reiche Bauplastik, die an den frueheren Kirchen selten und viel zurueckhaltender verwendet wurde. Am haeufigsten erscheinen geometrische- und Blumenmotive, etwas weniger stilisierte Fabeltiere und Voegel, waehrend die Darstellungen von Menschen nur selten auftauchen. Ein wichtiges Merkmal stellen auch grosse Rosetten dar. Diese sogenannte "nichtikonische" Kunst hat wahrscheinlich mit den damaligen hesychastischen Ideen aus dem Athos zu tun, ist aber auch fuer den Islam, zu dieser Zeit an die Balkanhalbinsel durchdringend, charakteristisch. Auf jeden Fall stellt die Herkunft der reichen Dekorationsplastik an den Kirchen der Morava-Schule ein gesondertes wissenschaftliches Problem dar, fuer das noch keine endgueltige Loesung gefunden wurde. Es bestehen verschiedene Hypothesen darueber. Man spricht ueber den Einfluss aus dem Osten, sogar aus Georgien und Armenien, aber auch ueber die westlichen Vorbilder, romanische und gotische, besonders in Bezug auf die Form der Rosetten. Es bestehen Vermutungen, dass die Dekorationsplastik von der Himmelfahrtskirche aus der Burg Novo Brdo (Montenuovo) aus dem Kosovo stammt, der groessten und reichsten Festung Serbiens zur Zeit des Fuersten Lazar. Historischen Quellen nach wurde Novo Brdo mit seiner grossartigen Burg und einer Reihe von repraesentativen Bauten jahrzehntelang gebaut. Eine solche Baustelle musste auch seine Steinmetzwerkstaetten und viele Meister haben, die vielleicht spaeter in Ravanica und in anderen Kirchen in Nordserbien arbeiteten. Aber die Herkunft der Bauleute von Novo Brdo ist ebenfalls umstritten: Sie konnten sowohl aus dem Westen, als auch aus dem Osten kommen.

Das plastische Zierwerk der Fassaden der Himmelfahrtskirche zaehlt zu den schoensten in Serbien. Die Boegen und Einfassungen der Fenster und Tueren tragen die schon beschriebenen Gestalten der Bauplastik. Besonders bemerkenswert ist hier noch die Schachbrettornamentik, die die Blendgiebel vor den quadratischen Tamboursockeln verziert. Charakteristisch fuer die Himmelfahrtskirche ist die grosse, meisterhaft ausgefertigte Rosette an der Westwand.

Die urspruengliche Vorhalle der Kirche wurde Ende des 17. Jahrhunderts bis auf den Grund zerstoert. Forschungen weisen darauf hin, dass es sich um einen offenen Bau mit Seitendurchgaengen handelte, eine Form, die beim Bauen von zukuenftigen Morava-Kirchen nicht mehr verwendet wurde. Diese Vorhalle entstand sicherlich unter dem Einfluss jener vom Kloster Gracanica, wo sich die bedeutendste Kirche im Kosovo befindet, eine Stiftung von Koenig Milutin. Das heute zu sehende niedrige Narthex wurde in den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts auf den alten Fundamenten errichtet, wobei man das bei der Zerstoerung uebriggebliebene Material, sowie die Reste der alten Mauern nutzte.

Wenn man Chilandar auf Athos (also ausserhalb des serbischen Staatgebiets) ausnimmt, ist Ravanica das erste serbische Kloster, das eine massive Befestigung erhielt. Die Gefahr der osmanischen Eroberung, die zur Zeit Lazars so offensichtlich und gegenwaertig war, wirkte sich zweifellos auf die Entstehung eines solchen Klostertyps im damaligen Serbien aus. Das ist auch eine wichtige Eigenschaft der Kirchen der Morava-Schule. Die Festungsmauer in Ravanica, die frueher mit sieben Tuermen das Kloster umgab, von denen einer eine bemalte Kapelle hatte, ist stark beschaedigt. Drei Tuerme waren schon vor dem 16. Jahrhundert zerstoert worden. Auch von den alten Klosterzellen, vom Spital und den Wirtschaftsgebaeuden sowie vom Speiseraum blieb nichts uebrig. Einen grossen Schaden erlitt auch die Klosterschatzkammer, die bulgarische Soldaten waehrend der Besatzung Ostserbiens im Ersten Weltkrieg ausgeraubt hatten. So kam Ravanica fast voellig verarmt in unsere Zeit. Die Himmelfahrtskirche ist aber heute erneuert, waehrend die Klosteranlage ein Zeugnis der stuermischen Geschichte auf diesem Raum blieb.


Malerei
So wie Ravanica seiner Baurichtung nach an der Spitze einer neuen Epoche stand, so zeigten sich auch in seiner Malereien, die zum groessten Teil zwischen 1376/7 und 1381 ausgefertigt wurden, wichtige Neuheiten, sowohl in der Themenwahl, als auch im Stil. Leider sind aber die Fresken in der Himmelfahrtskirche heute stark beschaedigt, waehrend viele von den erhaltenen Kompositionen verblasst und von den Waenden gewischt sind. Trotzdem laesst sich aus dem Erhaltenen eine hohe (obwohl nicht ausgeglichene) Qualitaet erkennen.

Mit Ausnahme des Altarraumes, wo sich die uebliche an den Gottesdienst gebundenen Szenen befinden, hat die Himmelfahrtskirche ein besonderes und neues Programm. Hier sind vor allem die Kompositionen, die die Wunder und Gleichnisse Christi schildern, hervorgehoben, indem sie den groessten Raum im Schiff, sogar in der mittleren Zone, einnehmen. Hier gehoeren die gut erhaltenen Fresken der Heilung des Blindgeborenen (Joh. 9), der Brot- und Fischvermehrung (Matth. 14, 15-21; 15, 32-38; Mark. 6, 35-44; 8, 1-9; Luk. 9, 12-17; Joh. 6, 5-13), der Hochzeit in Kana (Joh. 2, 1-11) und des Gleichnisses von der Koeniglichen Hochzeit (Matth. 22, 1-14; Luk. 14, 16-23) hinzu. Wegen dieses neuen Elementes sind die Feiertagskompositionen in die oberen Teile der Kirche und in die Gewoelbe und Boegen verlegt worden, wie zum Beispiel der Einzug Christi in Jerusalem und die Frauen am Grabe Christi. Nur die Himmelfahrt der Muttergottes behielt ihren festen Platz an der Westwand ueber dem Eingangstor. Dieses ungewoehnliche Programm hat ohne Zweifel liturgischen Charakter. Da die Kirche in Ravanica der Himmelfahrt Christi geweiht worden ist, wurden die Kompositionen im Zusammenhang mit besonderen Gottesdiensten gewaehlt, die in der orthodoxen Kirche von Ostern bis zur Himmelfahrt zelebriert werden. Die Gottesdienste dieser sechs Wochen sind hauptsaechlich dem Gedenken der Heilungs- und Lehrtaetigkeit Christi auf Erden gewidmet. Diese liturgische Einheit ist mit der Darstellung der Goettlichen Liturgie in der Hauptkuppel, die Christus selbst im Himmel zelebriert, abgeschlossen.

In der Malerei von Ravanica erscheint weiter eine ungewoehnliche Zahl heiliger Anachoreten (Einsiedlermoenche) und zwar im ganzen Westteil des Schiffes. Diese Tatsache kann man mit den damaligen Glaubens- und politischen Umstaenden erklaeren. Die Serbische Kirche, deren starke Unterstuetzung Fuerst Lazar hatte, nahm zu dieser Zeit den Einfluss des heilig-bergischen Moenchtums an, das im Geiste der hesychastischen Ideen die Einsiedelei foerderte. Der neue serbische Patriarch Jefrem selbst war ein eifriger Vertreter dieser moenchisch-einsiedlerischen Tendenzen. Ausserdem nahm damals Fuerst Lazar viele aus Sinai und Athos kommenden Moenche auf und brachte sie in seinen Stiftungen unter, wie Romilo in Ravanica, Grigorije in Gornjak (in der Naehe von der heutigen Stadt Pozarevac), oder Sisoje in Sisojevac (in der Naehe von Ravanica).

Ein weiteres Merkmal der Malerei der Himmelfahrtskirche sind die zahlreichen Abbildungen heiliger Krieger. Sie erschienen in Serbien schon frueher, aber erst in Ravanica nahmen sie den ganzen Raum vor dem Altar, naemlich die beiden Konchen (Chorschraenke) ein. Diesen Platz behielten sie unter dem Einfluss Ravanicas auch in der Mehrzahl der spaeter erbauten Kirchen der Morava-Schule. Wie die Darstellungen der Einsiedlermoenche sind auch die Abbildungen der heiligen Krieger ein Ausdruck der gesellschaftlichen und politischen Zustaende im Serbien Lazars. Die damaligen, immer haeufigeren Kaempfe zwischen Christen und Moslems, also zwischen "Glaeubigen" und "Unglaeubigen", wahrscheinlich auch im Zusammenhang mit den Ideen des mittelalterlichen Rittertums, wirkten sich auf die Auffassungen von den heiligen Kriegern aus, die nach kirchlicher Tradition aktive Kaempfer fuer das Christentum waren.

Die Fresken von Ravanica nehmen schliesslich auch durch ihren Stil einen Platz am Beginn einer in Serbien neuen Malrichtung ein. Es ist von freizuegiger Zeichnung, lebendiger Formgestaltung und kraeftiger Farbgebung die Rede, Eigenschaften des dekorativen Stils, der aus Byzanz uebernommen wurde. Die reiche Dekoration laesst sich vor allem an den die Kuppel tragenden Saeulen erkennen, die durch das Werk der Maler ein voellig neues Aussehen erhielten. Die Meister uebernahmen aus dem alten byzantinischen Erbe das Motiv der verbundenen, aneinandergeketteten Medaillons, die auf dem blauen und vergoldeten Hintergrund die Brustbilder der Heiligen tragen. Zu diesem Stil gehoert auch die plastische Ausfertigung der Gestalten, mit reicher Verzierung der Kleidung, sowie eine lyrische Darstellung der Gesichter.

Die Wandmalerei in der Himmelfahrtskirche ist aber nicht einheitlich.
Dort arbeiteten drei Gruppen von Malern, hoechstwahrscheinlich Griechen, von denen nur einer dem Namen nach bekannt ist - Konstantin, dessen Unterschrift neben dem Gesicht des Hl. Merkurios in der noerdlichen Konche erhalten blieb. Die erste Gruppe, die die schwaechste Leistung zeigte, war in der Hauptkuppel beschaeftigt. Der Altarraum und die oberen Zonen des Schiffes wurden von zwei Meistern ausgemalt, die sich als die Besten in Ravanica erwiesen. Jener, der im Altar arbeitete, wird sogar als einer der besten im ganzen serbischen Mittelalter betrachtet. Seine hervorragendste Schoepfung stellt die Muttergottes mit Christus und den verneigenden Engeln dar. Der Andere, auch sehr erfolgreiche, hat die Kompositionen der Wunder und Gleichnisse Christi und die Szenen aus dem Marienleben (Suedteil des Schiffes) ansgefertigt. Darunter sind von besonders hoher Qualitaet die Fresken des Einzuges Christi in Jerusalem, der Himmelfahrt der Muttergottes und die interessante Darstellung der Weihnachtshymne des Johannes Damaskinos in der suedlichen Konche (wo eigentlich die Saenger bei der Liturgie standen). Ihm werden noch die Abbildungen in den kleinen Kuppeln zugeordnet und zwar die Brustbilder der Erzengel und Engel, sowie der Urvaeter Christi. Schliesslich hat die dritte Gruppe, zu der der erwaehnte Konstantin zaehlte, die unteren Zonen bemalt. Dabei geht es um die heiligen Krieger und Einsiedlermoenche, sowie die Medaillons an den Saeulen. Man sollte noch die Stifterkomposition an der Westwand erwaehnen. Die Gestalten der Mitglieder der Herrscherfamilie (Fuerst Lazar mit dem Kirchenmodell, seine Frau Milica und ihre Soehne Stefan und Vuk), die Christus segnet, sind aber vermutlich spaeter abgebildet worden, wahrscheinlich nach der Ueberfuehrung der Heiligengebeine Lazars aus Pristina nach Ravanica. Unter diesem Fresko befand sich frueher die Abbildung von St. Konstantin dem Grossen und St. Jelena.

Die heute zu sehende Malerei in der Vorhalle ist im 18. und im 19. Jahrhundert entstanden. Als Daskal Stefan in der zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts die neue Vorhalle errichtete, liess er sie auch mit Fresken versehen. Dabei bewahrte er aber die Teile des einzig erhaltenen Fresko an der Ostwand, das die Muttergottes als Quelle des Lebens darstellt. Von den Malereien, die Stefan anfertgen liess, ist nur wenig in zwei unteren Zonen erhalten geblieben, darunter auch die verblasste Abbildung des Erneurers von Ravanica selbst. Obwohl sie sich in ihren kuenstlerischen Qualitaeten nicht mit jener aus dem 14. Jahrhundert messen kann, gehoert die Malerei in der Vorhalle zu den besten Schoepfungen ihrer Zeit. Aus dem 18. Jahrhundert stammen vielleicht auch bestimmte Freskenretuschen in der Kirche, bei denen stellenweise Schaeden und zerstoerte Flaechen wiederbemalt wurden. Diese Retuschen sind bei den neuesten Konservationsarbeiten teilweise entfernt worden. Schliesslich entstand die reich mit Holzschnitzereien versehene Altartrennwand in der ersten Haelfte des 19. Jahrhunderts.

Geschichte und Gegenwart
Im Laufe der Zeit hat Ravanica bestimmt vieles von seiner ehemaligen Pracht und seinem Reichtum verloren. Es wurde schon vieles ueber die Beschaedigungen an der Kirche und der Malerei gesagt. Von dem reichen Innenschmuck, von dem die Chronisten begeistert schrieben, blieb nichts uebrig. Als Fuerst Lazar seine Stiftung mit den zahlreichen Ikonen mit vergoldeten Silberbeschlaegen, mit den silbernen und vergoldeten, mit Edelsteinen ausgelegten Kruzifixen, mit kostbaren Gefaessen und Kirchenvorhaengen versah, war er sich sicherlich der Tatsache bewusst, dass Serbien jedoch nicht mehr so reich und maechtig war, wie zur Zeit der Nemanjiden. Aber der Fuerst, der in Augen seines Volkes "Kaiser" war, musste auch auf diese Weise eine Vorstellung der noch lebendigen ruhmvollen Vergangenheit staendig hueten.

Es ist klar, dass Ravanica untrennbar mit dem Kult des Hl. Fuersten Lazar (der auch in der Tradition der Serbischen Kirche "Kaiser" blieb) verbunden ist und damit auch mit dem beruehmten Kosovo-Mythos, der die ganze serbische Geschichte als die Leidenschaft um das Gewinnen der "Reiche der Himmel" deutet. Sehr interessant ist dabei der Weg der Heiligengebene Lazars, der auf eine spezifische Weise die Hauptzuege der Geschichte des serbischen Volkes mit seinen Wanderungen und Strebungen nach der Kosovoschlacht schildert. Unmittelbar nach dem Jahr 1389 war Kosovo nicht mehr sicher, so musste man die Heiligengebeine nach Norden, ins befestigte Ravanica ueberfuehren. Als am Ende des 17. Jahrhunderts ein starker osmanischer Druck auf Serbien ausgeuebt wurde, eine Folge des "Wiener Krieges", gelangten sie auf das habsburgische Territorium, nach Syrmien, wohin sich eine grosse Anzahl von Serben rettete. Spaeter, im Zweiten Weltkrieg, fiel Syrmien an Kroatien, das eine Vernichtungspolitik gegen die serbische Bevoelkerung durchfuehrte. Die Ueberfuehrung der Heiligengebeine in die Domkirche zu Belgrad 1942 ist nur mit Schwierigkeiten und, was besonders interessant ist, mit Hilfe der deutschen Besatzungsmacht gelungen. Schliesslich, als 1989 der 600. Jahrestag der Kosovoschlacht gross gefeiert wurde, in einem Zeitpunkt, als das serbische Nationalgefuehl wieder erwachte, wurde auch das grosse Heiligtum aus Belgrad in den Kosovo gebracht und bald darauf ins Kloster Ravanica nach 300 Jahren zurueckgetragen.

Heute ist Ravanica ein Nonnenkloster und gehoert dem Bistum von Branicevo an, das seinen Sitz in der Stadt Pozarevac hat. Seit 1989 ist es auch wieder zu einem Wallfahrtsort geworden, da dorthin viele Orthodoxe kommen, um sich vor den unverwesten Heiligengebeinen des Fuersten Lazar, dem man auch die Wundertaetigkeit zuschreibt, zu verbeugen. Und die Serben verbeugen sich dort vor ihrem maertyrerischen "Kaiser", ja dem Kaiser des "himmlischen Serbiens".

   

Artikel: Zarko Vujosevic, Belgrad

Fotografien: Milan Kosanovic, Bonn

Lektorat: Britta Lenz, Duesseldorf




Copyright © 2003 Michael-Zikic-Stiftung