Petruskirche
 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Petruskirche
In dem Ursprungsgebiet des altserbischen Staates, unter dem Namen Raska (Raszien) bekannt, um das Tal des Flusses Ibar, liegt die aelteste im Ganzen erhaltene Kirche Serbiens. Mit den Ueberresten der mittelalterlichen Stadt Ras, dem Kloster Sopocani und den aus dem 16. bis 19. Jahrhundert stammenden islamischen Denkmaelern in Novi Pazar bildet sie einen kulturhistorischen Komplex, der 1979 als Denkmalkomplex von universaler Bedeutung in die UNESCO Liste fuer Weltkulturerbe eingetragen wurde. Die Petruskirche selbst ist ein wichtiger Punkt in der Geschichte des fruehen serbischen Staats- und Kirchenwesens. Fuer eine Beschaeftigung mit dieser Geschichte bildet dieses Denkmal einen passenden Ausgangspunkt.

Errichtung
Die Petruskirche, die eigentlich den Aposteln Petrus und Paulus geweiht ist, entstand im 9. oder eher im 10. Jahrhundert auf einem Teil byzantinischen Territoriums, das aber schon von serbischen Staemmen besiedelt wurde, die kurz zuvor „offiziell“ dem Christentum angeschlossen worden waren. Bei dem Bauort handelte es sich aber um eine sehr alte Kultstaette, an der ein fruehgeschichtlicher illyrisch-griechischer Tumulus aus dem 5. Jahrhundert vor Christi, mit vielen Vasen, Geschirr aus Silber und Bronze, Goldschmuck, Bernsteinplastik und Tausenden von Votivplaettchen (jetzt im Nationalmuseum in Belgrad aufbewahrt) ausgegraben wurde. Spaeter stand hier hoechstwahrscheinlich auch eine fruehchristliche Kirche, auf deren Ueberresten das heute zu sehende Gotteshaus erbaut worden ist. Die Legende ueber die Errichtung der Petruskirche steht in der sogenannten "Chronik des Pfarrers von Dioclea" (12. Jahrhundert) geschrieben, einer wichtigen, aber nicht immer zuverlaessigen Quelle fuer die serbische Fruehgeschichte. Der Chronist teilt mit, die Kirche sei von den "Roemern" (das heisst den Byzantinern) erbaut worden, nachdem sie den sagenhaften Fuersten Ljutomir von Raszien besiegt hatten.

Im Wandel der Zeiten
In jeder Legende steckt ein Stueck Wahrheit. Aber trotz aller Kaempfe ist gerade die Petruskirche ein Denkmal des Zusammenlebens zweier unterschiedlicher Kulturen auf demselben Raum, einer Hochkultur und einer noch immer primitiven. Die Petruskirche hat hier wahrscheinlich eine entscheidende Rolle bei der Ausbreitung und Befestigung des Christentums unter den Serben gespielt. Sie war naemlich von Anfang an der Sitz des Bischofs von Raska, eines Gebiets, auf dem die bekannte serbische Geschichte beginnt. Ausserdem wurden hier die fruehen serbischen Fuersten (Gespanen) als byzantinische Vasallen durch eine Zeremonie eingesetzt, die der griechische Bischof ausfuehrte.

Weiter ist diese Kirche mit einer Persoenlichkeit, die als Gruender des unabhaengigen serbischen Staates angesehen wird, mit Stefan Nemanja, eng verbunden. Schon als Kind, nachdem seine Familie von Ribnica (heute Stadt Podgorica) nach Raszien umgezogen war, wurde der zukuenftige Stammvater der serbischen Herrscherdynastie von einem griechischen Bischof in der Petruskirche zum zweiten Mal getauft. So berichtet spaeter sein Sohn Stefan. Diese zweite Taufe wurde nach dem orthodoxen Ritus ausgefuehrt, weil die erste in Ribnica angeblich roemisch-katholisch gewesen ist.

In und neben der Petruskirche fanden auch zwei wichtige Kirchen- und Staatsversammlungen in der Regierungszeit Nemanjas (um 1166-1196) statt. Bei der ersten, deren genaues Datum unbekannt blieb, sei die sogenannte bogomilische Haeresie (im Westen spaeter als katharische bekannt) verurteilt und ihre Anhaenger aus Serbien verbannt worden. Bei dem zweiten 1196 hat der Grossgespan Stefan Nemanja freiwillig den Thron verlassen und ihn seinem Sohn Stefan uebergeben. Mit den Worten "Und alles von dieser Welt, die Ehre und Pracht, nehme ich als nichts" gab er seinen Wunsch und seine Entscheidung bekannt, Moench zu werden.

Im Wandel der Zeiten hat aber die Petruskirche schon unter den Nachfolgern Nemanjas ihre praktische Bedeutung verloren. Die wichtigen kirchlichen und staatlichen Ereignisse wurden in die neuen, reichen und glaenzenden Stiftungen der Nemanjiden-Dynastie versetzt. Dass die Tradition dieses Tempels jedoch nicht ganz vergessen wurde, zeigt ein Geschenk von Koenig Milutin (1282-1321) aus dem Jahre 1305 - ein Silberkreuz, das spaeter in das dominikanische Kloster in Dubrovnik gelangte. Aber das war der letzte Beweis groesserer Aufmerksamkeit. Noch lange Zeit blieb diese Kirche der Bischofssitz, doch findet man von ihr nur selten Nachrichten in den Quellen. Schliesslich hat sie 1786 auch der Bischof verlassen. Dann wurde das Bistum von Raska dem von Prizren angegliedert, ein Zeichen der zahlenmaessigen Verminderung der Orthodoxen in Folge der "Zweiten Auswanderung der Serben" Mitte des 18. Jahrhunderts und einer staerkeren Islamisierung in diesem Raum.

Architektur
Die Petruskirche kann als ein Rotundenbau mit einer eingeschriebenen Vierkonchenform bezeichnet werden. Architektonisch und stilistisch ist sie aber sehr komplex. Das hat damit zu tun, dass der Grund aus dem fruehchristlichen Bau entnommen worden ist und dass die endgueltige Aussensicht aus dem 19. Jahrhundert stammt. Noch am Anfang (9.-10. Jahrhundert) erhielt sie eine von innen runde, von aussen achtseitige Kirchenkuppel, die auf einem Trompenring ruht. In der Etage befindet sich eine kreisfoermige Galerie, womit die Petruskirche etwas Eizigartiges im heutigen Serbien darstellt. Wahrscheinlich auch beim ersten Bau wurde diesem Kern eine Vorhalle (Narthex) an der noerdlichen und westlichen Seite zugefuegt. Man vermutet, dass noch mehr im dritten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts angebaut worden ist, in Bezug auf die damalige kirchliche Reform, mit der alle Bischofssitze in Serbien eine Erweiterung erfuhren. Es gibt dafuer aber keine klaren Anzeichen. Waehrend der osmanischen Herrschaft, trotz des allgemeinen Verbotes, die Kirchen anzubauen, wurde die Petruskirche noch zweimal wesentlich erweitert: An der oestlichen Seite erhielt sie eine Aussenvorhalle und an der suedlichen Seite die sogenannte "suedliche Raeumlichkeit". In der Mitte des Schiffes (Naos), am Fussboden, befindet sich ein Taufbecken, was man der Tatsache zuschreibt, dass es sich um eine Domkirche handelte.

Im Grossen und Ganzen ist von einer Mischung von architektonischen Stilen und Formen die Rede. Abgesehen von den neuzeitlichen Zufuegungen, stossen hier der byzantinische Stil und die Vorromanik zusammen. Dennoch ist der byzantinische Einfluss staerker, worauf das Mauerwerk aus Stein und Ziegel ohne Moertel, sowie einige innere Elemente, zum Beispiel Trompen, hinweisen. Aehnliche Kirchen wurden zwischen dem 7. und dem 11. Jahrhundert in Armenien und Georgien gebaut, ebenfalls Laender am Rand der byzantinischer Welt. Auf der anderen Seite sprechen Elemente wie die Galerie in der Etage und die halbkreisfoermige Altarapside fuer den Einfluss des Westens.

Malerei
Die Fresken der Petruskirche sind nur teilweise erhalten geblieben und gehoeren nicht zu den besten Kunstwerken des serbischen Mittelalters. Dennoch sind sie als die aeltesten erhaltenen Malereien im heutigen Serbien von Bedeutung. Das betrifft natuerlich nur die erstmalig angefertigten Fresken aus dem 10. Jahrhundert. Zusaetzlich bestehen im Inneren der Kirche noch zwei Schichten vom Ende des 12. und Ende des 13. Jahrhunderts.

Die urspruengliche Malerei, die unmittelbar nach der Errichtung der Kirche im 10. Jahrhundert geschaffen wurde, ist nur im Tambour und kaum sichtbar in dem unter der Kuppel befindlichen Raum erhalten. Im Tambour befinden sich die fuer die spaetere Zeit ungewoehnliche Szenen aus dem Evangelium (seit dem 11. Jahrhundert malte man in Byzanz hier die Propheten) und zwar die Maria Verkuendigung, die Begegnung von Maria und Elisabeth, die Geburt Christi und die Marialichtmess. Auf dem weissen und gelben Hintergrund sind die Figuren duenn skizziert und ohne Volumen abgebildet worden, was mit der Malerei von einigen aus der gleichen Zeit stammenden Kirchen im heutigen Griechenland (Khastoria, Attik) verglichen werden kann. Die Umrahmung der Fresken mit der Sgrafitto Technik weist aber auf die westlichen Vorbilder hin. Unter der Kuppel sind die Reste der Figuren und Kompositionen fast voellig zerstoert.

Um das Jahr 1195 wurde das Innere der Kirche zum zweiten Mal gestaltet. Aus dieser Zeit sind die Fresken im spaetkomninischen Stil vor allem in der Altarapside erhalten geblieben. Den zentralen Platz im Altarteil nimmt die Muttergottes mit Christus ein. Unterhalb von ihr sind die stehenden Figuren der Aposteln und in der unteren Zone befand sich hoechstwahrscheinlich die Komposition der Verbeugung vor dem Christus-Opfer, von der man jetzt nur noch die Fuesse von Archieraeen sehen kann. Zur zweiten Malerei gehoert auch die Figur des Apostel Petrus, die sich auf dem Pilaster der noerdlichen Wand befindet. Von Bedeutung sind dabei die Aufschriften um den Heiligen und auf dem Tragkranz des Apostels Petrus, die in griechisch geschrieben wurden. Zu dieser Zeit (Ende des 12. Jahrhunderts) gehoerte das Bistum von Raska noch dem Erzbistum von Ochrid an. Kurz darauf entstand die selbststaendige Serbische Kirche (1219) und ein solch unmittelbarer griechischer Einfluss wurde beseitigt.

Die dritte Malerei stammt aus den Jahren um 1282-1283, als eigentlich eine Restaurierung der alten Fresken mit der materiellen Unterstuetzung des Koenigs Milutin vorgenommen wurde. Auch diese Schicht ist jetzt beschaedigt, aber man kann einige Teile erkennen. In der Kuppel sind Christus, die Erzengel und die Propheten sichtbar, unter der Kuppel die Evangelisten und etwas von den grossen Feiertagen, einige stehende Figuren der Heiligen im Schiff, die Himmelfahrt der Muttergottes und Sankt Nikolaus in der Vorhalle. Alle diese Fresken sind von einem durchschnittlichen Maler angefertigt, der unter starken Einfluss der damaligen Meisterwerke aus Sopocani stand.

Geschichte und Gegenwart
Die Petruskirche kann als ein bedeutender und vielseitiger serbischer Erinnerungsort betrachtet werden. Hier fanden wichtige Ereignisse statt, die auch die Basis einer Vorstellung von mittelalterlichem Serbien schufen. Auf der politisch-dynastischen Ebene ist ueber die freiwillige Abdikation von Stefan Nemanja und seine Entscheidung ein Moench zu werden die Rede, die den Beginn der Heiligkeit der Nemanjiden-Dynastie darstellte. Auf der kirchlichen Ebene sprechen wir ueber die Vorstellung von der Rechtglaeubigkeit des serbischen Staates und Volkes, worauf die wiederholte Taufen des Staatsgruenders und das Konzil gegen die Haeresie, beide Ereignisse gingen in der Petruskirche vor sich, hinweisen sollten.

Aber der heutige Wanderer, der kein Fachmann ist, kann sich kaum vorstellen, dass er sich vor einem Denkmal befindet, das fuer die serbische Geschichte genauso wichtig ist, wie zum Beispiel die Domkirchen in Aachen oder in Worms fuer die deutsche Geschichte. Die oede Gegend mit einem Friedhof aus dem 19. Jahrhundert, sowie das verwahrloste Gebaeude, machen den Eindruck, es sei ein Ort von lokaler Bedeutung gewesen. Ausserdem ist die Petruskirche seit langem ohne Gottesdienst geblieben, also hat sie sogar ihre urspruengliche Aufgabe verloren. Und das ist nur ein Beispiel fuer das kontinuitaetslose Verhaeltnis zwischen Geschichte und Gegenwart in Serbien...

Artikel:
Zarko Vujosevic, Belgrad

Fotografien: Milan Kosanovic, Bonn

Lektorat: Britta Lenz, Duesseldorf




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