Manasija
 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Manasija
Das letzte bedeutende sakrale Denkmal des serbischen Mittelalters, das gleichzeitig die Stiftung eines serbischen Herrschers war, ist das Kloster Manasija, urspruenglich nach dem Fluss, auf dessen rechtem Ufer es liegt, Resava genannt. Es befindet sich in der Naehe des Morava-Tals, etwa 30 km oestlich von der kleinen Stadt Svilajnac. Mit seiner Dreifaltigkeitskirche, einem ausserordentlichen Gebaeude im Stil der Morava-Schule, seinen ziemlich gut erhalteten Wehrmauern und den Ueberresten der alten Bauwerke stellt das Kloster Manasija eines der wichtigsten und beruehmtesten mittelalterlichen Denkmaeler Serbiens ueberhaupt dar.

Der Klosterbegruender Stefan Lazarevic (Fuerst 1389-1402; Despot 1402-27), der Sohn des Fuersten Lazar, bemuehte sich in den Jahren der zunehmenden Bedraengnis durch die Osmanen ein glaenzendes Gotteshaus fuer sein Mausoleum zu errichten, womit er sich unter den grossen serbischen Stiftern einreihte und die Tradition der Nemanjiden-Dynastie fortsetzte. Das Kloster und die Kirche mit seiner Architektur und Malerei entstanden als eine Zusammenfassung des einheimisch-byzantinischen Erbes, der damaligen westlichen Einfluesse und der Sicherheitsbeduerfnisse, was ein beredtes Zeugnis fuer die politischen und kulturellen Umstaende war, in denen der Staat Stefans lebte. Serbien hatte naemlich eine besondere Lage zwischen den beiden damaligen Grossmaechten Suedosteuropas,dem Osmanischen Reich und Ungarn, angenommen. So war Stefan von Anfang an ein Vasall des osmanischen Sultans, eine Verbindung, die mit einer Unterbrechung zwischen 1402 und 1413, bis zu seinem Tode im Jahre 1427 andauerte. Die hohe Wehrmauer Manasijas, damals die hoechste Serbiens, weisen aber auf die staendige Osmanengefahr hin. 1403 wurde Stefan dann auch ein Vasall des ungarischen Koenigs, und die Stadt Belgrad wurdeunter seine Verwaltung gestellt. Schliesslich war Byzanz, zu dieser Zeit nur noch auf kleines Territorium um Konstantinopel und auf Peloponnes begrenzt, im geistigen Sinne noch immer sehr wichtig fuer Serbien. Von seinem Kaiser erhielt Stefan uebrigens seinen Despotentitel, was seine Herrschaftsideologie bedeutend festigte.

Errichtung
Da die Gruendungsurkunde verloren ging, befinden sich die wichtigsten Angaben ueber die Errichtung des Klosters in der Biographie des Despoten Stefan Lazarevic. Diese wurde von dem Gelehrten Konstantin Philosoph aus Kostenec (Bulgarien), der um 1410 an den Hof Stefans ankam, in den Jahren 1432-33 verfasst. Der Biograph Stefans betont besonders den Wunsch seines Herrn, alle Stiftungen seiner Vorfahren zu uebertreffen. So schreibt Konstantin, dass Stefan schon als Knabe beim Anblick der vaeterlichen Kirche in Ravanica ausgerufen habe: "Eine noch groessere und schoenere werde ich bauen!" Der Biograph faehrt fort, dass der Despot lange durch Serbien gereist sei, um den allerschoensten Ort fuer seine Stiftung zu finden. Schliesslich habe er sich fuer ein reizvolles Fleckchen ueber dem Fluss Resava entschieden. Er habe das beste Baumaterial, einschliesslich Marmor und Gold fuer die Fresken besorgt und die besten Meister angestellt. All diese Ansprueche, sowie die zahlreichen Geschenke an das Kloster, haben auch die "unsagbaren Kosten" erfordert. Als die Bauarbeiten fast abgeschlossen waren, wurde an Pfingsten 1418 eine Staats- und kirchliche Versammlung einberufen, bei der das Gotteshaus von dem Patriarchen Kiril I. (um 1409-18) der Heiligen Dreifaltigkeit geweiht wurde.

Aus den Angaben Konstantins konnte man entnehmen, dass Manasija zwischen 1406/07 und 1418 gebaut wurde. Ein so grosses Unternehmen, das auch im Volkslied "Der Bau Manasijas" aus dem Zyklus aeltester Heldenlieder besungen wurde, muss auf die Zeitgenossen einen starken Eindruck gemacht haben. Natuerlich gingen diese Bauarbeiten zu Lasten der Bauern aus dem Resavagebiet: sie waren der Fronarbeit, dem sogenannten "Burgbauen" ("Gradozidanije") verpflichtet. Schliesslich aber konnte die Stiftung des Despoten aufgrund ihrer Hoehe, ihres bunten Bodens aus Marmor und wegen ihrer glaenzenden mit Gold geschmueckten Malerei bewundert werden.

Im Wandel der Zeiten
Ungefaehr zwanzig Jahre nach seiner Gruendung war Manasija ein bedeutendes Zentrum des kulturellen Lebens und Schaffens in Serbien. Hier versammelte Despot Stefan Gelehrte und Kuenstler nicht nur aus seinem Lande, sondern auch aus den anderen von den Osmanen schon eroberten Nachbargebieten (vor allem aus Bulgarien). Das Kloster besass eine grosse Bibliothek, sowie ein Skriptorium (Schriftstaette), das durch die Abschreibungen und Uebersetzungen von kirchlichen und anderen Texte unter den Namen "Resava-Schule" beruehmt wurde und bis zu Ende des XVII. Jahrhunderts taetig war. Man vermutet, dass hier auch eine neue serbische Rechtschreibung entwickelt wurde, vor allem auf Grund einer anderen Schrift des bereits erwaehnten Konstantin Philosophs, die als Aufsatz ueber den Buchstaben (Skazanije o pismeneh) bekannt ist. Die Forschungen weisen nach, dass manche Regeln, fuer die Konstantin sprach, schon frueher in Serbien verwendet worden waren, von denen aber manche spaeter nicht angenommen wurden. Auf jeden Fall wurde der Ausdruck "Resava-Rechtschreibung" fuer hiesige Abschreibungen gebraeuchlich, und sie war wegen ihrer hohen Qualitaet und Zuverlaessigkeit von grosser Bedeutung fuer die Entwicklung der serbischen Sprache.

Im Jahre 1427 starb der Despot Stefan ploetzlich bei der Jagd, wahrscheinlich an einem Herzschlag und wurde in seiner Stiftung beigesetzt. Da er keine Nachkommen hatte, ging die Herrschaft an seinen Neffe Djuradj Brankovic ueber, der als Despot bis 1456 regierte. Zwoelf Jahre nach dem Tod Stefans, als die Osmanen 1439 Serbien zum ersten Mal eroberten, fiel auch Manasija in ihre Hand. Bald wurde der serbische Staat wiederhergestellt, in den fuenfziger Jahren jedoch folgte die endgueltige Eroberung. Waehrend der Kaempfe 1456 wurde das Kloster in Brand gesetzt, bevor es schliesslich im Jahre 1458, ein Jahr vor dem Fall Serbiens, besetzt wurde. Bei dieser Gelegenheit erlitt die Kirche keinen betraechtlichen Schaden, aber schon 1476 brachten die Osmanen, wahrscheinlich fuer den Heeresbedarf, ihre grossen Glocken fort, die nach islamischem Gesetz sowieso nie haetten klingen duerfen.

Manasija behielt teilweise seinen Landbesitz, aber da es wegen seiner Wehrmauer gleichzeitig als Festung genutzt wurde, mussten das Kloster und seine Doerfer staendig die osmanische Garnison bedienen, die innerhalb der Mauer untergebracht war. In einer Volkszaehlung aus dem Jahre 1516 wurden hier sogar ein Imam und ein Hatib (islamischer Priester und Glaubenslehrer) erwaehnt, woraus man den Schluss zieht, dass es im Kloster auch eine Moschee gegeben hat. Ueber die weitere Geschichte Manasijas liegen nur spaerliche Angaben vor. In diesem Sinne bleibt fuer uns das ganze XVII. Jahrhundert in fast voelliger Dunkelheit. Waehrend der habsburgischen Herrschaft (1718-39) sind die Erneuerungsarbeiten in geringem Umfang vielleicht schon 1725 und bestimmt 1735 durchgefuehrt worden. Zu dieser Zeit wurde aber die Vorhalle, die als Munitionslager diente, durch eine Explosion stark beschaedigt. Ende des XVIII. Jahrhunderts wurde Manasija dann im habsburgisch-osmanischen Krieg 1788-91 verwuestet. In diesem Krieg im Jahre 1790 wurde in dem Kloster ein Blutbad angerichtet, als ein osmanischer Anfuehrer die 200 angesehensten Serben aus der Umgebung zu einer "Versammlung" zusammenrief und sie dann alle umbrachte. Danach wurde die veroedete Kirche zu einem Pferdestall umfunktioniert.

Waehrend des ersten serbischen Aufstandes 1804-13 lebte Manasija wieder auf. Nach der Ankunft des Abts Joanikije im Jahre 1804 und nach der Reinigung der Kirche, wurde das Kloster 1806 mit Hilfe des serbischen Anfuehrers Karadjordje ausgebessert und eine neue Bruderschaft eingefuehrt. Wegen seiner Wehrmauern war Manasija noch immer ein wichtiger strategischer Punkt, so dass die Aufstaendischen und die Osmanen heftig kaempften, um es unter ihre eigene Kontrolle zu stellen. In den neuen Gefechten wurde das Kloster stark beschaedigt. Als das befreite serbische Fuerstentum ein Gesetz zum Bewahren der historischen Denkmaeler einbrachte, wurde im Jahre 1844 eine Kommission nach Manasija gesandt. Diese stellte fest, dass die Kirche, und zwar insbesondere das Dach, in ziemlich schlechtem Zustand war. Da es an mehreren Stellen Loecher hatte, regnete es bereits seit laengerer Zeit durch, weshalb ein grosser Teil der ausserordentlichen Fresken unwiederbringlich vernichtet worden sind. Unmittelbar darauf wurden Erneuerungsarbeiten in Angriff genommen, dank derer die UEberreste der Malerei gerettet werden konnten.

Nachdem Manasija im Ersten Weltkrieg noch einmal Unglueck erleiden musste, als seine Schatzkammer vom bulgarischen Heer ausgeraubt wurde, konnte sich das Kloster endlich bis zu unserer Zeit ruhig entwickeln. Die neueren Konservations- und Restaurationsarbeiten an der Kirche, dem Speiseraum und an den Festungsmauern begannen im Jahre 1956 und sie dauern bis heute an. (Die Reinigung der Fresken wurde zwischen 1959 und 1962 durchgefuehrt.)

Architektur
Der Komplex des mittelalterlichen Bauwerkes des Klosters besteht aus der Dreifaltigkeitskirche, dem beschaedigten Speisesaal und der Befestigung mit 11 Tuermen. Von den ehemaligen Herbergen sind nur unbedeutende UEberreste geblieben, auf deren Fundamente man die ganz neuen Gebaeude errichtet hat.
Die Dreifaltigkeitskirche von Manasija stellt eine Synthese der alten Mausoleen der Nemanjiden, der Morava-Schule und der westlichen Vorbilder dar. Doch ihre Architektur wird, vor allem wegen ihrer Grundform, dem Morava-Stil zugeordnet. Sie hat einen charakteristischen Grundriss des sogenannten griechischen Kreuzes mit einer Dreikonchenanlage, also Apsiden an der Ost-, Sued- und Nordseite. An der Ostapside (Altarapside) sind noch Prothesis- und Diakonikon-Nischen, sakristeiartige Nebenraeume, angegliedert. Die Kirche hat fuenf Kuppeln, wobei die zentrale und die groesste auf vier freistehenden Rundpfeilern ruht. UEber jedem von der vier Eckraeume, im Winkel der Kreuzarme, befindet sich eine kleinere Tambourkuppel.

In vieler Hinsicht unterscheidet sich diese Kirche aber von den anderen Vertreterinnen der Morava-Schule, wie zum Beispiel von Ravanica oder Ljubostinja. Im Gegensatz zu ihnen sind die Mauern der Dreifaltigeitskirche nur aus gehauenen Steinquadern zusammengefuegt. Dieses Material wurde derart bearbeitet, dass es dem Marmor der ruhmvollen Nemanjidenstiftungen Studenica oder Decani aehnelt. Auch die Fassaden haben ein Aussehen, dass fuer die Morava-Kirchen nicht charakteristisch ist: sie haben keine Rosetten und sind nicht gefaerbt. Ihr Zierwerk aber wurde unter dem Einfluss der romanischen und besonders der gotischen Architektur angefertigt. So wurde die vertikale Gliederung durch elegant verlaengerte Halbsaeulenvorlagen betont, waehrend zwei Reihen von Zwillingsfenstern mit gotischen Kleeblattboegen die horizontalen Gesimsbaende ersetzen. Auf Konsolen, beziehungsweise auf den Saeulenkapitellen liegt ein langer Rundbogenfries, unterhalb des reichprofilierten Kranzgesimses, das den Unterbau von der Dachzone trennt. Schliesslich umfassen Blendboegen die hohen, schmalen Tambourfenster. Ein weiterer Hinweis auf die gotischen Vorbilder ist die Tendenz zur Vertikalisierung des Gebaeudes. So ist die Dreifaltigkeitskirche von Manasija mit ihrer Hoehe von ueber 25 m das hoechste unter der im Morava-Stil erbauten Gotteshaeuser.

Die gotischen Einfluesse haben mit Sicherheit die Baumeister aus dem Westen mitgebracht. Der Despot Stefan selbst unterhielt lebhafte Beziehungen mit den abendlaendischen Staaten, vor allem mit Ungarn, gegenueber dessen Koenig er Vasallenverpflichtungen hatte. Stefans Biograph Konstantin Philosoph schreibt, dass Stefan die besten Meister fuer den Bau seiner Stiftung aus verschiedenen Gebieten angestellt habe, sogar welche "von den Inseln". Dabei bezeichnen die "Inseln" wahrscheinlich Dalmatien. Auch das schon erwaehnte Volkslied "Der Bau Manasijas" stellt eine Quelle dar, die Aufschluss ueber die kuenstlerischen Einfluesse des Westens auf die Architektur der Dreifaltigkeitskirche bietet.

Von der inneren, einst wahrscheinlich sehr reichen Einrichtung der Kirche ist fast nichts erhalten geblieben. Die reizvolle Altartrennwand mit Ikonen ging verloren, waehrend die heute zu sehende aus den Jahren 1863-64 stammt. Die Kirche besass einen Fussboden aus verschiedenfarbigen Steinen, die zu mannigfaltigen Motiven zusammengefuegt waren. Nur in der Vorhalle ist davon ein Stueck trotz der Explosion im XVIII. Jahrhundert erhalten geblieben. Es hat die Form eines Kreuzes mit einer grossen Rosette in der Mitte und ist kuerzlich restauriert worden. Die urspruengliche Vorhalle wurde durch die Explosion fast voellig vernichtet. Bald darauf wurde aber der neue, grosse und ueberkuppelte Narthex dazugebaut.

Der grosse Speisesaal von ueber 1000 qm, der auch "Schule" genannt wird, liegt suedlich von der Kirche. Die „Schule“ war einst ein Gebaeude mit zwei Ebenen, wobei sich der Speiseraum selbst wahrscheinlich im Erdgeschoss befand, waehrend im 1. Stock die Bibliothek und das Skriptorium untergebracht waren. Hier war vermutlich auch eine Kapelle. Heute sind von diesem Bau nur noch die Mauern uebrig geblieben; eine umfangreiche Restauration ist geplant. Die Klosteranlage war von maechtigen Wehrmauern umgeben, die gut erhalten sind. Sie haben elf zinnenbekroenten Tuerme, von denen der groesste der sogenannte "Despotturm" ist, der noerdlich von der Kirche liegt und vor kurzem ausgebessert wurde. Die Befestigung von Manasija warim Mittelalter auch von einer grossen Schanze mit Aussenmauern umgeben, deren Ueberreste noch heute unter dem Klosterweingarten zu sehen sind.

Malerei
Der Komplexitaet und Technik ihrer Wandmalerei nach stellt die Dreifaltigkeitskirche in Manasija das bedeutendste Denkmal der Morava-Schule dar. Mehr noch, handelt es sich hier um eine der groessten kuenstlerischen Leistungen der orthodoxen Welt ueberhaupt. Die Fresken haben aber im Laufe der Zeit sehr gelitten, so dass von den urspruenglichen rund 2000 bemalten Quadratmetern nur etwa ein viertel erhalten sind. Trotz grosser Beschaedigungen kann man jedoch die kostbare Anfertigung mit Blau und Gold erkennen, womit das Kloster Manasija beruehmt geworden ist.

Was das Programm und die Aufteilung der Fresken betrifft, stand Manasija unter dem Einfluss der aelteren Morava-Kirchen, vor allem unter dem von Ravanica. So finden wir auch hier die bestimmten Kompositionen und Einheiten, mit ihren besonderen theologischen und politischen Bedeutungen, die schon in der Regierungszeit Stefans Vaters Lazar festgesetzt worden sind. Da sind die Wunder und Gleichnisse Christi in den zentralen Zonen des Schiffes, die heiligen Krieger in den Seitenkonchen, sowie die Medaillons mit Brustbildern von Heiligen an den Saeulen. Auch die Preisung des Despoten Stefan und somit der Lazarevic-Dynastie kam in der monumentalen Stifterkomposition besonders zum Ausdruck. Gerade in Manasija wurden diese Darstellungen und Ideen zu hoechster Form gebracht.
Die Wandmalerei der Dreifaltigkeitskirche ist als Ganzes bis 1418 entstanden. Ihre Schoepfer waren die Maler, die mit Sicherheit in Thessaloniki ausgebildet worden sind, da in ihrem Stil der Einfluss der dortigen Kirchen (zum Beispiel der Kirche des St. Demetrios) erkennbar ist. Als sie die Gebaeude zeichneten, verwendeten sie die sogenannte umgekehrte Perspektive, was auch fuer die byzantinische Malerei charakteristisch war. Aber ihre groesste Leistung stellt die festliche Harmonie von Blau und Gold dar, die schon an sich hoechste technische Faehigkeiten erforderte.

Jetzt soll eine Uebersicht ueber die erhaltene Malerei gegeben werden. Unterhalb der Hauptkuppelkalotte, wo in der Regel Christus als Universalherrscher abgebildet wurde, befinden sich im Tambour die ausdrucksstarken Gestalten von den 24 alttestamentarischen Propheten und Patriarchen, waehrend die Evangelisten wie ueblich in Pendentifs abgebildet sind. In den kleineren Kuppeln, wo die Fresken sehr beschaedigt sind, kann man mit Muehe noch die Engel, sowie alttestamentarische Gerechte sehen. Im Altarraum sind vorwiegend liturgische Szenen dargestellt. Darunter sind besonders schoen die Verbeugung vor dem Christus-Opfer, die Apostelkommunion und die heiligen Kirchenvaeter im Gottesdienst, wo sich der erste serbische Erzbischof St. Sava als Letzter in der Reihe zum Norden hin befindet. Zwei interessante Fresken im Diakonokon stellen Abrahams Opfer und den Patriarchen Philoteos von Konstantinopel dar, der 1375 die Versoehnung mit dem Serbischen Patriarchat erlaubte. Im Schiffsgewoelbe befinden sich die Kompositionen der zwoelf grossen Feste, deren besterhaltenste die Himmelfahrt der Muttergottes im westlichen Teil ist. In den oberen Zonen der Waende sind die Zyklen aus der Kindheit Mariens (Sued) sowie aus den Leiden Christi (Nord) dargestellt. Mittlere Zonen der Seitenkonchen tragen die Szenen der Wunder und Gleichnisse Christi. Von den Gleichnissen sind besonders jene vom Zoellner und dem Pharisaeer, vom Verlorenen Sohn (Sued), vom koeniglichen Hochzeitsmahl, vom reichen Presser und armen Lazarus und vom barmherzigen Samariter (Nord) erwaehnenswert. In den unteren Zonen den beiden Konchen befinden sich die glaenzenden Abbildungen von heiligen Kriegern in goldenen Gewaendern und mit vielen Waffen, wobei die Gestalten aus der noerdlichen Konche als beste Kunstwerke dieser Kirche zu betrachten sind. An der Westwand stehen Bildnisse von David und Salomo neben der Darstellung der Gotteshand, welche die Seelen der Gerechten haelt. Schliesslich wurde an den Saeulen eine Reihe von Heiligenbrustbildern in dekorativen Medaillons angefertigt, mit einer in den Farben des Regenbogens, in Gold und Azurblau gehaltener Ornamentik.

Von den Fresken verdient vor allem die Stifterkomposition an der Westwand des Hauptteiles der Kirche mit der Abbildung vom Despoten Stefan besondere Aufmerksamkeit: Der Despot im vollen Ornat reicht der Heiligen Dreifaltigkeit, der die Kirche geweiht ist und die in der Gestalt der drei Engel dargestellt wird, das Modell seiner Stiftung Er traegt auch eine Pergamentrolle, die wahrscheinlich die Klosterurkunde sein sollte. Seine Herrschaftsideologie wurde durch die Szene der goettlichen Investitur im Geiste der byzantinischen Tradition besonders zum Ausdruck gebracht: von Christus selbst gekroent, erhaelt Stefan das Schwert und die Lanze von den Engeln. Nie wurde in Serbien ein Monarch so erhaben dargestellt, auch nicht in der Epoche der viel maechtigeren Nemanjiden. Aber zu den Zeiten in denen der Despot Stefan den Kult seiner Dynastie noch sicherstellen sollte, jedoch keine grosse aussenpolitische Gewalt hatte, musste er auf diese Weise die goettliche Herkunft seiner Herrschaft betonen und damit seine Position in Serbien und im Ausland befestigen.

In der Vorhalle sind nur Fragmente der Fresken erhalten geblieben. Darunter sind die kaum sichtbare Abbildung eines der oekumenischen Konzilien an der Suedwand und die der Muttergottes mit Christus und zwei Engeln an der Nordwand. Heute sind in diesem Raum alte Buecher und Handschriften ausgestellt.

Im Stil der Malerei von Manasija erschienen sehr wichtige Neuheiten, was die Darstellung der religioesen Szenen betrifft. Die Maler haben diese Szenen naemlich dem zeitgenoessischen Leben angepasst. So zeigte sich der aristokratische Prunk des damaligen Hoflebens besonders in den reichen Gewaendern jener Zeit, welche Herrscher, Edelleute, Hofdamen, Ritter und Diener trugen und mit denen die Maler die "Himmelbewohner" an den Fresken "bekleideten". Das ist vor allem an den Szenen der Gleichnisse Christi erkennbar (zum Beispiel das koenigliche Hochzeitsmahl oder der reiche Prasser und arme Lazarus), die auch sehr detailliert sind. Die Gestalten von Menschen sind natuerlich dargestellt, ihre Gesten haben ein voellig "irdisches" Aussehen. Um solche Kompositionen zu charakterisieren, benutzt man die Bezeichnung "Genre-Szene", die sich von den mittelalterlichen Bildauffassungen abgrenzt. So stellte die Malerei von Manasija eine fuer den byzantinischen Kulturraum ganz neue Form dar und hatte auf der anderen Seite viel Verwandtes mit der gleichzeitigen Renaissance-Malerei in Italien. Deshalb nennt man diese Entwicklung auch oft "Renaissance von Resava". Sie geschah aber unmittelbar vor einem grossen historischen Umbruch, den die baldige osmanische Eroberung Serbiens mit sich brachte. Als der serbische Staat nicht mehr bestand und die christliche Kultur, sowohl die geistige als auch die materielle, in diesem Raum dauerhaft unterdrueckt wurde, konnte sich diese Entwicklung nicht fortsetzen. So blieben die Fresken von Manasija eine einzigartige Errungenschaft der mittelalterlichen orthodoxen Welt, aber gleichzeitig ein Zeugnis von den starken kulturellen Beziehungen zwischen den anscheinend getrennten Teilen des christlichen Europas.

Geschichte und Gegenwart
Das letzte Aufblitzen der serbischen mittelalterlichen Hochkultur... Dann kamen die Tuerken und vernichteten Alles...- So wirkt Manasija in den Gedanken der Serben, als ein Erinnerungsort des letzten Aufbegehrens vor dem Untergang. Wahrscheinlich war sich auch Despot Stefan Lazarevic dessen bewusst. Aber warum hat er zu diesen "schweren" Zeiten (obwohl jede Zeit aus irgendwelchen Gruenden "schwer" war) ein so grosses Unternehmen begonnen? Wozu ein solcher Aufwand, um die hoechste Kirche zu errichten, um Gold oder noch kostbareres Azurblau fuer den Malereischmuck zu besorgen, um die glaenzendste Stiftung zu erbauen? Wozu eine solch "prahlerische Ausgabe"? Eine derartige "Ausgabe" ist aber mit dem Status eng verbunden. Und Stefans Status war sehr verpflichtend: er war ein "Erbe" der maechtigen Nemanjiden. Und mehr noch, kann man manchmal sein reelles Eigentum, sein echtes Kapital, als wenig bedeutend finden und den Bedarf nach der Erschaffung eines "symbolischen Kapitals" haben. Fuer den Despoten Stefan war Manasija eben sein "symbolisches Kapital", welches nicht nur zu seiner Herrschaft, sondern auch zu seinem Gedenken viel beigetragen hat. Weil die Serben sich ihre Vorstellung und Meinung ueber ihn und ueber seine Regierungszeit durch den Anblick seiner monumentalen Stiftung bildeten. Das kann auch fuer das ganze serbische Mittelalter gelten; in diesem Sinne ist Manasija auch ein "symbolisches Kapital" Serbiens.

Die Stiftung des Despoten Stefan gehoert dem Bistum von Branicevo an, ebenso wie Ravanica. Seit 1956 ist Manasija ein Nonnenkloster. Sofort wurden die umfangreichen Erneuerungsarbeiten an der Klosteranlage begonnen. Die Nonnen, die auch fuer ihr Singen bekannt geworden sind, haben viel dazu beigetragen, dass sich Manasija zu einem der staerksten geistigen und kulturellen Zentren im heutigen Serbien entwickelte. Im Jahre 1993 fand im Kloster zum ersten Mal eine grosse Kundgebung statt, die seitdem jedes Jahr um das Fest der Verklaerung Christi (19./6. August) unter dem Namen "Tage der serbischen geistigen Verklaerung" veranstaltet wird. Bei dieser Gelegenheit werden verschiedene kulturelle und wissenschaftliche Ereignisse im Rahmen eines umfangreichen Programmes organisiert: Vorlesungen ueber die mittelalterliche Kirchen-, Kultur- und politische Geschichte, Konzerte der geistlichen Musik, Theaterauffuehrungen mit mittelalterlichen Themen im ehemaligen grossen Speisesaal, Ausstellungen der kirchlichen Kunst usw. Es wird erwartet, dass man sich gerade hier geistig verklaeren kann und soll, an einem Ort, wo die Vorstellung vom prachtvollen serbischen Mittelalter kurz vor dem Untergang auf eine bewunderliche Weise zu seinem Hoehepunkt gebracht wurde. Aber die genannte Kundgebung hat auch noch weitere Inhalte. Waehrend im Kloster nur geistliche Themen vertreten sind, finden im benachbarten Ort Despotovac auch weltliche Veranstaltungen statt, die mit moderner Kunst und moderner Musik zu tun haben. Geistlichkeit als Geschichte, Weltlichkeit als Gegenwart? Von welcher Verklaerung ist die Rede und welche Modelle und Vorbilder soll man dabei verwenden? Geschichtliche oder gegenwaertige? Oder beide? Ja, das sind die Fragen in Serbien, Geschichte oder Gegenwart, Geschichte und Gegenwart.

 

Artikel: Zarko Vujosevic, Belgrad

Fotografien: Milan Kosanovic, Bonn

Lektorat: Marina Hrkac, Bonn




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