Gradac
   
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gradac
Das Kloster Gradac im Ibar-Tal liegt etwa 15 km westlich von der alten mittelalterlichen Burg Brvenik und 45 km von Novi Pazar, auf dem rechten Ufer des Fluesschens Brvenica. Es ist eine Stiftung von Koenigin Jelena (Helène d'Anjou, gestorben 1314), der Gemahlin von Koenig Uros I. Nemanjic, der zwischen 1243 und 1276 in Serbien regierte. Schon auf Grund der Tatsache, dass es sich hier um ein Kloster handelt, das nicht von einem serbischen Koenig, sondern von seiner aus einer westlichen Familie stammenden Frau, gestiftet wurde, bildet dieses Kloster einen besonders interessanten Betrachtungsgegenstand.

Unter allen serbischen Koeniginnen spielte Jelena die bedeutendste Rolle in der Politik und Kultur des Nemanjiden-Staates, insbesondere nach der Abdikation ihres Gemahls, als sie von ihrem Sohn Dragutin (herrschte 1276-82) ein Gebiet im westlichen Serbien zur Verwaltung erhielt. Die gebildete Katholikin aus dem maechtigen franzoesischen Hause Anjou durfte ihren Glauben bewahren und lebhafte Beziehungen mit den roemisch-katholischen Kirchenoberhaeuptern und sogar mit dem Papst unterhalten. Sie leistete den Benediktinern und insbesondere den Franziskanern Hilfe, baute roemisch-katholische Kirchen im serbischen Kuestenland, gab aber gleichzeitig Geld und Geschenke an die orthodoxen Kloester am Heiligen Berg, Jerusalem und Sinai aus. Schliesslich, so nimmt man an, ging sie in einen Orden nach orthodoxem Ritus ueber, und wurde von der Serbischen Kirche zur Heiligen erklaert. Gerade das Kloster Gradac schildert sehr deutlich die Neigungen und Auffassungen seiner Stifterin, sowie die Kultur und Tradition der Umgebung, in der es entstanden ist.
Errichtung

An dem Ort, an dem heute das Kloster Gradac liegt, befand sich eine fruehchristliche Kirche, deren Überreste bei Forschungen im 20. Jahrhundert ausgegraben wurden. Hoechstwahrscheinlich wussten aber die Erbauer von Gradac nichts von dieser Kirche, da sie die neue Kirche so aufgestellt haben, dass ihr westlicher Eingang die Apside des ehemaligen Gotteshauses (dessen Grundkonstruktion unter der Erde blieb) fast beruehrt. Auf jeden Fall handelte es sich um eine sehr alte christliche Kultstaette, in deren Kontinuitaet die Verkuendigungskirche von Gradac steht.

Über die genaue Zeitpunkt der Errichtung des Klosters Gradac liegen nur spaerliche Angaben vor. Die Gruendungsurkunde ging verloren und auch die Aufschrift in der Hauptkirche ueber den Bau und den Stifter ist nicht erhalten geblieben. Die wichtigsten Hinweise gibt der serbische Erzbischiof Danilo II. (1324-37) in seinem bekannten Werk Biografien der serbischen Koenige und Erzbischoefe, einer wertvollen Quelle fuer die Geschichte der Nemanjiden-Zeit. In der Lebensbeschreibung Jelenas schreibt Danilo II., dass die Koenigin "die ruhmvolle Kirche im Namen der Heiligen Muttergottes, beziehungsweise des Festes der Verkuendigung, an dem Ort Gradac bauen liess". Er berichtet weiter von der Anstellung der besten Meister "aus dem Staat Jelenas", sowie von den grossen Schenkungen, die sie dem Kloster gemacht habe.

Aus dem Bericht von Erzbischof Danilo II. geht hervor, dass die Koenigin den Bau ihrer Stiftung begann, als ihr aelterer Sohn Dragutin im Jahre 1276 von seinem Vater Uros I. den Thron uebernahm. Neuere Forschungen bewiesen aber, dass die Arbeiten schon um 1270 begonnen worden waren und dass die Verkuendigungskirche eine gemeinsame Stiftung und gemeinsame Grabstaette des herrschenden Ehepaars sein sollte. So wurden Uros I. und Jelena gemeinsam an der Stifterkomposition in der Kirche mit dem Modell des Gotteshauses in ihren Haenden abgebildet. Nachdem ihr Gemahl den Thron verlassen hatte und kurz danach starb (um 1277), leitete Jelena selbst die weitere Erbauung des Klosters. Da Uros I. dann in Sopocani bestattet wurde, wurde die Verkuendigungskirche nur das Mausoleum fuer Jelena. So gestaltete sie schliesslich das Kloster Gradac als ihre eigene Stiftung.

Im Wandel der Zeiten
Seine Bluetezeit erfuhr Gradac Ende des 13. und im 14. Jahrhundert. Es war ein grosses und reiches Kloster mit vielen Moenchen und einer Residenz der Koenigin Jelena, in der sie sich oft aufhielt. Die Stifterin unterhielt hier vermutlich auch eine besondere Schule, in der den jungen Edelfraeulein Allgemeinbildung vermittelt wurde. Nach ihrem Tode am 8. Februar (nach julianischem Kalender) 1314 wurde Jelena in der Verkuendigungskirche beigesetzt. Als man bald darauf ihre unverwesten Heiligengebeine entdeckte (oder, um einen kirchlichen Ausdruck zu nutzen, "erhob"), wurde sie zur Heiligen erklaert. Ihr Gedaechtnistag in der Serbischen Kirche ist der 12. November, an dem sie zusammen mit ihren Soehnen Milutin und Dragutin (Moench Teoktist) erwaehnt wird. Ihr neubegruendeter Kult in der Kirche und dem Volk brachte dem Kloster Gradac ein hohes Ansehen bis zum Ende der serbischen mittelalterlichen Selbststaendigkeit.

Nach der osmanischen Eroberung Serbiens Mitte des 15. Jahrhunderts existieren lange Zeit ueberhaupt keine Nachrichten ueber Gradac in den Quellen. Es ist aber bekannt, dass es verfiel, nachdem es mindestens einmal zerstoert worden war. Erst Ende des 16. Jahrhunderts erschienen Angaben ueber die baufaellige Verkuendigungskirche, die inzwischen ohne Dach geblieben war. Nur ein Moench lebte zu dieser Zeit im Kloster. Dann wurde die Kirche zum Teil erneuert, indem sie mit Blei bedeckt wurde. Der "Wiener Krieg" (1683-99) zwischen den Osmanen und den Habsburgern erwies sich auch fuer Gradac als verhaengnisvoll. Die bereits beschaedigte Kirche hat unter der osmanischen Macht noch einmal gelitten. Das Bleidach wurde abgenommen und das Gebaeude fast voellig zerstoert. Ähnlich wie Sopocani veroedete Gradac im Laufe der Jahrhunderte und verfiel zu einer Ruine. Bis zu den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts blieb das Kloster voellig verwuestet. Dann wurde die kleine Nikolauskirche, die auf einem Fels innerhalb des Klosterkomplexes liegt, wiederhergestellt, waehrend die Verkuendigungskirche noch in Truemmern lag.

Die Erneuerung des Klosters begann unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg, als auf die Kirche ein improvisiertes Dach aufgesetzt wurde. Umfangreiche Restaurations- und Konservationsarbeiten wurden aber ab dem Jahr 1948 durchgefuehrt. Sie dauerten 13 Jahre und umfassten den ganzen Klosterkomplex: beide Kirchen wurden wieder aufgebaut, die Wandmalerei wurde teilweise restauriert, waehrend die anderen Objekte innerhalb der Klostermauer, wie der Speiseraum mit der Kueche, die Moenchsherberge und die Vorratsraeume, ausgegraben und konserviert wurden. Obwohl die Verkuendigungskirche im Wandel der Zeiten stark gelitten hat, konnte man ihr auf Grund der an der Konstruktion erhaltenen Angaben ihr urspruengliches Aussehen wiedergeben. Dabei wurden die neuen Teile des Gebaeudes mit einer Bleischleife von den alten getrennt.

Architektur
In ihrer Architektur stellt die Verkuendigungskirche in Gradac eine Mischung verschiedener Stilrichtungen dar, die weder echte Vorbilder unter den aelteren Denkmaelern hatte, noch die spaeteren sakralen Gebaeude in Serbien beeinflusste. Es handelt sich jedoch um eine gelungene Synthese der byzantinischen Kunst, der Romanik und Gotik, mit einem praegnanten Zug der Raska-Schule.

Ihren Grundmauern und ihrer raeumlichen Struktur nach gehoert die Verkuendigungskirche zum Raska-Typ. Es ist ein einschiffiger Bau mit einer ueber einem mit Fenstern versehehenen achteckigen Tambour aufgemauerten Kuppel. Im Osten endet er in einem dreiteiligen Altarraum mit halbrunden Apsiden. Im Norden und Sueden des zentralen Kuppelraumes befinden sich niedrige Chortransepte. Die Kirche wird im Westen von einer Vorhalle, die zwei Seitenkapellen besitzt, verlaengert. Obwohl sie ihre Stiftung kurz nach der Vollendung von Sopocani bauen liess, wollte Koenigin Jelena die dortige Dreifaltigkeitskirche nicht nachahmen. So hat das Gotteshaus in Gradac weder das dreischiffige Aussehen, noch die Tendenz zur Vertikalisierung: seine Chortransepte und Seitenkapellen sind je unter einem eigenen Dach eingefuehrt, waehrend die Kuppel massiv und ebenso breit wie das Schiff ist. Aber in seiner Formgebung erkennt man einige Vorbilder aus Studenica. Sie spiegeln sich im dreiteiligen Altarraum mit drei Apsiden, in der gemauerten Altartrennwand, sowie in der teilweise romanischen Aussendekoration der Fassaden wider. Ausserdem wurde die Kirche in Gradac, wie jene in Studenica, der Muttergottes gewidmet.

In der aeusseren Verzierung des Gotteshauses sind neben romanischen auch zahlreiche Formelemente der fruehen Gotik verwendet worden, die sicherlich auf die Stifterin zurueckgehen. Die starken gotischen Einfluesse zeigen sich besonders an den aus weissem Marmor gemeisselten Portalen, an den Zwillingsfenstern mit den spitzbogigen Arkaden in der oestlichen und westlichen Front, sowie an den Spitzbogenfriesen unter den Dachgesimsen. Auch das westliche Eingangsportal, das reichstgeschmueckte erhaltene Portal in Serbien nach Studenica, weist gotische Formen auf. Gotik erscheint aber nicht nur in der Aussenbearbeitung der Kirche, sondern auch in einigen an ihr ausgefuehrten architektonischen Loesungen. So hat die Vorhalle ein Kreuzrippengewoelbe, aehnlich wie die Aussenvorhalle in Studenica, waehrend der Altarraum aussen mit vier Strebepfeilern gegliedert wurde. Diese Strebepfeiler, die an den zeitgenoessischen hohen Kirchen im Westen Europas vor allem als eine Verstaerkung dienten, spielen an der Verkuendigungskirche in Gradac nur als Verzierung eine Rolle.

Eine weitere Eigenschaft der Verkuendigungskirche, die auch auf die westlichen Vorbilder hinweist, ist die Monumentalitaet und Breite des inneren Raumes. Das westliche Querschiff sowie die Chortransepte sind gegenueber dem Schiff ganz geoeffnet und der Eindruck der Geraeumigkeit wird mithilfe der massiven Kuppel, die einen grossen Durchmesser hat, noch verstaerkt. Die Inneneinrichtung der Kirche wurde aus weissem Marmor ausgefertigt. Das schoenste Kunstwerk aus diesem Bereich stellte die Altartrennwand dar. Heute ist diese nur teilweise erneuert. Im westlichen Querschiff befinden sich zwei Marmorsarkophage, einer an der suedlichen, ein anderer an der noerdlichen Wand. Der suedliche ruht an der Doppelgrabstaette, die wahrscheinlich fuer Koenigin Jelena und ihren Gemahl Uros I. vorgesehen war. Die Koenigin wurde hier, wie bereits erwaehnt, jedoch allein beigesetzt. Der noerdliche, der bescheidener geschmueckt wurde, bedeckt das Grab einer unbekannten Person. Hier konnte irgendein/e Verwandte/r Jelenas bestattet werden, vielleicht sogar ihre Tochter mit dem Namen Brn_a, die ledig gestorben ist und deshalb spaeter an den Abbildungen des Nemanjiden-Stammbaumes dargestellt wurde.

Obwohl der Erzbischof Danilo II. sagte, die Koenigin habe die besten Meister "aus ihrem Staat" zusammengestellt, steht ausser Zweifel, dass den groessten Teil der Arbeiten die Erbauer aus dem Westen angefertigt haben. Vielleicht haben jedoch einheimische Meister den Bau begonnen. Dann kam es aus unbekannten Gruenden zu einer Unterbrechung, nachdem eine neue Gruppe, die wahrscheinlich aus Apulien geholt wurde, wo zu dieser Zeit die Anjou-Dynastie herrschte, die Arbeiten fortsetzte. So blieben die raeumlichen Formen im Rahmen des Raska-Stils, waehrend die westlichen Kuenstler der Kirche in Gradac ihr endgueltiges Aussehen mit den erwaehnten zahlreichen Eigenschaften der dortigen Baurichtung gegeben haben.

Innerhalb des Klosterkomplexes besteht noch eine kleine Kirche, die sich an der Mauer bei der suedlichen Herberge befindet und dem St. Nikolaus gewidmet ist. Es ist ein einschiffiger Bau ohne Kuppel, der die Form einer roemisch-katholischen Predigtkirche hat. Ihre rechteckige Altarapside wurde nach Suedosten gerichtet, was auf den Einfluss der Franziskaner hinweist. Man vermutet, dass sie als eine Kapelle fuer die Erbauer der Verkuendigungskirche diente und damit etwas aelter als die Hauptkirche des Klosters sei. Vielleicht spielte sie auch die Rolle der Hofkapelle der Koenigin Jelena, die ihre Residenz daneben, in der suedlichen Herberge hatte.

Bei der Forschungs- und Konservationsarbeiten wurden in der Klosteranlage betraechtliche Reste von Schutzmauern sowie einer Reihe von Gebaeuden innerhalb des Komplexes gefunden. Der Speiseraum befand sich, wie ueblich, westlich von der Kirche, waehrend die Herbergen zum groessten Teil an der suedlichen Mauer erbaut wurden. Alle diese Überreste, die durchschnittlich einen Meter hoch sind, sind nur konserviert, weil es keine Angaben fuer ihre vollstaendige Erneuerung gab.

Malerei
Die hochwertige Wandmalerei der Verkuendigungskirche entstand im Laufe der siebziger Jahren des 13. Jahrhunderts. Die Fresken sind jedoch ziemlich verblasst und beschaedigt, da das Gotteshaus lange Zeit kein Dach hatte. Die unbekannten Kuenstler orientierten sich, was das Programm der Kompositionen betrifft, teilweise an den Vorbilder aus Studenica, waehrend im Stil ein starker Einfluss der grossartigen Werke aus Sopocani zu erkennen ist. Die Malerei in den Hauptraeumlichkeiten der Kirche (Altarraum, Schiff) wurde auf dem vergoldeten Hintergrund angefertigt. Hier und da erschien auch die Imitation der Mosaiktechnik. Zur Zeit der Restaurationsarbeiten wurden die Fresken der Verklaerung Christi und Pfingsten ins Nationalmuseum zu Belgrad verlegt, wo sie heute restauriert zu sehen sind.

Die Einteilung der Kompositionen der grossen Feste, die sich auf den oberen Flaechen des Schiffes befinden, ist gleich der in der Muttergotteskirche von Studenica: die Kreuzigung Christi wurde an der Westwand und die Himmelfahrt der Muttergottes an der Nordwand abgebildet. An den uebrigen Waenden des Langhauses wurden Szenen aus dem irdischen Leben und Leiden Jesu ausgefertigt, von denen besonders bemerkenswert die komplexe, in mehreren Kompositionen dargestellte Geburt ist. Auch die Stifterkomposition an der Suedwand oberhalb der Grabstaette von Jelena steht jener aus Studenica nahe. Die stark beschaedigte Abbildung stellt die Muttergottes dar, die Christus Stefan den "Erstgekroenten" (das koennte aber auch Stefan Nemanja sein) vorfuehrt, dem Uros I. und Jelena mit dem Kirchenmodell in den Haenden, ihre Soehne Dragutin und Milutin und wahrscheinlich Dragutins Gemahlin Katelina (die ungarische Prinzessin) folgen.

Aber in der Wandmalerei der Verkuendigungskirche erkennt man auch einige programmatische Neuigkeiten, mit denen bis zu dieser Zeit in Serbien nichts vergleichbar war. So wurde im Altarraum, neben der ueblichen Szenen der Apostelkommunion und der Verbeugung vor dem Christus-Opfer, zum ersten Mal die Beweinung des gekreuzten Christi durch die Muttergottes abgebildet. Ausserdem befindet sich im westlichen Teil des Schiffes ein in Serbien einzigartiger Zyklus von drei nur teilweise erhaltenen historischen Szenen, die wahrscheinlich den Tod St. Savas und die Überfuehrung seiner Heiligengebeine von Trnovo in Bulgarien ins Kloster Mile_eva darstellen. Da diese Fresken allerdings kaum erkennbar sind, gibt es Vermutungen, dass es sich dabei auch um Szenen des Todes Koenig Uros I. und der Überfuehrung seiner sterblichen Überreste und der des Erzbischofs Joanikije I. (gestorben 1279) nach Sopocani handeln koennte.

Eine weitere Neuigkeit gegenueber den aelteren Kirchen in Serbien stellt der Zyklus des Marienlebens in der mittleren Zone der Vorhalle dar, der mit Sicherheit damit zusammenhaengt, dass das Gotteshaus der Muttergottes geweiht wurde. Die groesste Komposition dieses Zyklus, die aber stark beschaedigt ist, schildert das Fest der Verkuendigung. Eine besonders beachtenswerte Tatsache ist, dass man hier einige Szenen auf Grund der apokryphischen Texte ueber die Muttergottes abgebildet hat. So beginnt dieser Zyklus mit der Ablehnung der Geschenke von Joakim und Anna im Tempel Jerusalems und dem Gebet Annas im Garten, welche Ereignisse im sogenannten Protoevangelium des Apostel Jakob, das ausserhalb der Heiligen Schrift blieb, erzaehlt wurden. In der Vorhalle befinden sich aber auch einige uebliche Kompositionen, zum Beispiel die oekumenischen Konzilien.

Von der uebrigen Malerei sollte man noch das relativ gut erhaltene Fresko der Verkuendigung im Bogenfeld (Tympanon) ueber dem Eingangsportal an der westlichen Seite der Kirche erwaehnen. In den Seitenkapellen an der Vorhalle, die dem St. Stephan dem Erstmaertyrer (noerdliche) und dem St. Simeon Nemanja (suedliche) gewidmet wurden, sind die Fresken fast voellig zerstoert. In der suedlichen Kapelle befand sich der schon aus Studenica und Sopocani bekannte Zyklus des Lebens Nemanjas.

Im Stil der Wandmalerei von der Verkuendigungskirche in Gradac ueberwiegen die plastische Bearbeitung und die Monumentalitaet der Figuren, die ihre Vorbilder vor allem in den grossartigen Schoepfungen aus Sopo_ani hatten. Jedoch aehneln hiesige Abbildungen ihrer Qualitaet nach mehr den schwaecheren Fresken in der Vorhalle der Dreifaltigkeitskirche von Sopocani, als den Meisterwerken im Schiff des genannten Gotteshauses. Aber in Gradac erscheint langsam auch ein neuer, sogenannter narrativer Stil, der eine Hauptcharakteristik des Klassizismus der Palaeologen-Epoche im byzantinischen Kulturraum sein wird, einer Kunstrichtung, die seit der Regierungszeit des Koenig Milutins (1282-1321) auch in Serbien herrschte. Dieser Stil laesst sich insbesondere an der detailreich dargestellten Komposition der Geburt Christi, erkennen, die als beste in Gradac bezeichnet wird

In der Nikolauskirche befinden sich kaum sichtbaren Reste der Wandmalerei, die wahrscheinlich aus der ersten Haelfte des 14. Jahrhunderts stammt. Das besterhaltene Fresko - die Figur eines Engels - kann man im Altarraum sehen. Das grosse Brustbild des Kirchenpatrons, des St. Nikolaus, an der Suedwestwand ist nur in Spuren erhalten geblieben.

Geschichte und Gegenwart
Das Kloster Gradac stellt ein Denkmal dar, das ausdrucksvoll die Vielfalt des serbischen Mittelalters schildert. In der Geschichte und der Architektur der Verkuendigungskirche traf das byzantinische und westeuropaeische Erbe mit den einheimischen Traditionen zusammen als ein beredtes Zeugnis einer Gesellschaft, die nicht streng in sich selbst geschlossen war, sondern auch die Elemente der verschiedenen, aber doch christlichen Kulturen aufnahm. Auf der anderen Seite zeigt Gradac deutlich die unerschuetterliche Grundbestimmung des Staates und der Dynastie, da auch die Koenigin Jelena, die aus einem maechtigen roemisch-katholischen Hause stammte, bei der Errichtung ihrer Hauptstiftung im Rahmen der Orthodoxie bleiben musste (und wollte).

Im Laufe der Geschichte hat Gradac sowohl durch Zerstoerungen, als auch durch seine unguenstige Lage zwischen Bergen und Wald auch durch Grundwasser sehr gelitten. Noch Mitte des 20. Jahrhunderts war es eine Ruine, aber bis zu unseren Tagen wurde es vollstaendig wiederbelebt. Dass es als ein Stueck des europaeischen Kulturerbe betrachtet wird, beweist eine Stiftung (Donation) der franzoesischen Regierung aus dem Jahre 1990, die die Ansiedlung im Kloster nach ungefaehr 300 Jahren ermoeglicht hat, indem dort eine Nonnengemeinschaft gegruendet wurde. Damit wurde auch der Verkuendigungskirche ihre urspruengliche Rolle zurueckgegeben - der Gottesdienst findet wieder statt. Seit 1994 veranstaltet der Verein der serbisch-franzoesischen Freundschaft in Gradac und der Umgebung jedes Jahr im Mai eine kultur-touristische Kundgebung mit dem Namen "Die Tage des Flieders", an der Theater, Choere, Schriftsteller und Maler teilnehmen. Den Teil des Ibar-Tals in der Naehe von Gradac nennt man naemlich auch "das Fliedertal", nach der Legende, die besagt, dass Koenig Uros I. dieses ganze Land mit Flieder fuer seine zum ersten mal aus Frankreich kommende Frau bepflanzen liess. So wird in Gradac und in der umliegenden Burg Magli_ die Stimmung des Mittelalters (in seiner zwar romantischen Gestalt) durch Schauspiel, Musik, Wort und Bild wieder lebendig. Und in Serbien besteht heute noch ein Ort, an dem die verlorene Verbindung zwischen der Geschichte und Gegenwart wiederhergestellt wurde...

Artikel: Zarko Vujosevic, Belgrad

Fotografien: Milan Kosanovic, Bonn

Lektorat: Britta Lenz, Duesseldorf



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